Archive for Dezember, 2007

fischer & dylan, eine werkschau

Montag, Dezember 31st, 2007

Im Tagesspiegel hat der beliebte elder statesman Joschka Fischer berichtet, Bob Dylan habe ihm einmal sehr viel bedeutet:

„Als ich Bob Dylan zum ersten Mal gehört habe, wuchs in mir dieses Gefühl eines weiten Landes, dieses: Lass das alles hinter dir! Ich spürte die ganze Sehnsucht, auch die Tragik in seiner Musik. Die Texte hast du ja damals gar nicht wirklich verstanden, das war viel mehr die Musik. Ich bin zwar kein besonders musikalischer Mensch, das alles aber hat etwas in mir zum Klingen gebracht.“               

Er besitze noch „natürlich die ganzen Dylan-Platten“, höre sie aber nicht mehr.

Die zeitliche Abfolge war diese:

„Unsere Vätergeneration – das war der autoritäre Ton, die Marschmusik“,               

sagt er dem Tagesspiegel. Als Schüler, so teilt er es 1999 in seinem Buch „Mein langer Lauf zu mir selbst“ mit, hatte er es

„mit dem Lernen des Flügelhornblasens im dörflichen Musikverein versucht, war aber jämmerlich an dem Lärm, den diese Übungen notgedrungenermaßen verursachten, an den beengten Lebensverhältnissen in meiner Familie und an der Nachtschicht eines Nachbarn gescheitert, der unter wüsten Beschimpfungen und unter Androhung von Prügeln gegen meine musikalischen Gehversuche als Hornist intervenierte.“               

Nach dem Horn kam „Glenn Miller“, sagt er im Tagesspiegel, die „coolen amerikanischen Soldaten in den Kasernen Süddeutschlands, AFN“. Die erste Platte, die Fischer gekauft (nicht geklaut) habe, war „die mit ‚Blowin’ in the Wind’ drauf“. Das war „The Freewheelin’ Bob Dylan“ aus dem Jahr 1963, da war Fischer 15 Jahre alt.

Sie bewirkte, sagte Fischer 1985 in einem Interview mit dem Playboy, dies:

„Wenn man Bob Dylan hörte, stand man kurz vor einer Schlägerei mit dem Alten. Aber es war nicht nur der Vater. Auch  auf der Straße wurde man angepöbelt.“               

1996 fand Fischer dann, wie er es in seinem Laufbauch mitteilt, im Haus eines Freundes keinen Dylan mehr:

„Irgendwann kramte ich nach CDs, um Musik zu hören, und ich fand nur klassische Musik – Reqiems, Streich- und Klavierkonzerte, Kantaten etc.“ Das gefiel ihm. „Es war allein die Musik, die mich unversehens in ihren Bann schlug, und so ist es bis heute geblieben.“      

„Bis heute“ heißt: „bis 1996“. Denn: „Das Laufen und die Oper, Mozart vor allem, sind“, schreibt er, „untrennbar miteinander verbunden.“ Und das Abnehmen also. 

Interessant noch, dass der Tagesspiegel Fischer sogar meinen Text über Dylan und die 68er kommentieren lässt: 

Tagesspiegel: Die Wochenzeitung „Freitag“ hat zusammengefasst, wofür Sie Schuld tragen: „Staatsgläubigkeit, kryptosozialistische Versorgungssysteme, Selbsthass und Identitätsverlust.“               

Fischer: Halten wir lieber fest: Die 68er sind schuld an allem, auch, dass die „Bild“-Zeitung so ist, wie sie ist.

Tja.

Nachtrag: Es gab 2005 eine TV-Dokumentation über Joschka Fischer, in der er stolz erzählte, wieder mehr Dylan zu hören, aber, „dass wir uns nicht falsch verstehen“ fügte er hinzu, dass das nichts mit Politik zu tun habe. Vermutlich hat es mit Dylan auch nichts zu tun. Nur mit Fischer.

in den seilen! (nr. 19)

Donnerstag, Dezember 27th, 2007

logo_ids.gifEine liebe Gewohnheit: mitzuteilen, dass die neue Ausgabe des Onlinedienstes In den Seilen erschienen ist. Diesmal mit einem interessanten Brief des früheren Profiboxers (0-9-2) und heutigen Schauspielers Hans-Wilhelm Ermen, einer Analyse des letzten Halmich-Kampfes, ein paar statistischen Daten, ungewöhnlicher Werbung und garantiert absolut kraussfrei.

trollmann

Donnerstag, Dezember 27th, 2007

trollmann.jpgHeute vor hundert Jahren, am 27. Dezember 1907, wurde Johann „Rukelie“ Trollmann geboren. Ein paar Zeitungen erinnern heute an den Sintiboxer. Hier ein Text von mir aus dem Jahr 2002. Noch mehr Informationen finden sich in Knud Kohr/Martin Krauß: Kampftage. Die Geschichte des deutschen Berufsboxens aus dem Jahr 2000,  Seiten 83 bis 87. 

maradona

Dienstag, Dezember 25th, 2007

Der Mann strapaziert die fußballerisch erworbenen Meriten aufs Härteste: Dass sich Diego Maradona ein Bild des venezolanischen Staatspräsidenten Hugo Chávez tätowieren lassen möchte – geschenkt.  Aber jetzt verkündet er, dass er nach Hugo Chávez und Fidel Castro auch den dritten, sagen wir: US-kritischen Staatschef begrüßen möchte: Mahmud Ahmadinedschad. Die iranische Presse freut sich über das hübsche Präsent, das er schon mal im Voraus überreicht hat – ein von ihm signiertes Trikot.

mitchell report 2

Samstag, Dezember 22nd, 2007

Ein weiterer kluger Kommentar zum Mitchell Report über das Doping im US-Baseball. Andrei S. Markovits verweist darauf, dass die Fans nicht über die möglichen gesundheitlichen Gefahren für die Spieler und nicht über die schlecht erfüllte Vorbildfunktion der Spieler sauer sind, sondern, dass es um den Glauben an die Rekorde geht. Aber: „Kein Rekord ist je eine rein objektive Tatsache.“ Ihre Wahrnehmung ist immer von der Zeit geprägt, in der sie erzielt werden. Und Markovits ist „beunruhigt über das Überwachungsregime, das gebraucht wird, um den Sport zu ’säubern‘. All das wird, wenn es effektiv sein soll, unvermeidlich die Privatsphäre der Spieler unterminieren. Egal, ob Sie in einem Restaurant mit Freunden sitzen, ob sie den Weihnachtsabend mit der Familie verbringen oder auf einer Geschäftsreise sind – egal an welchem Platz und zu welcher Zeit -, die Spieler müssen immer die Befehle eines Fremden befolgen, der sie mit inquisitorischer Macht dazu nötigt, in seiner Gegenwart in einen bestimmten Apparat zu urinieren.“ 

ali & russell

Donnerstag, Dezember 20th, 2007

Eine Korrespondenz aus dem Jahr 1963: „Our ‚Enery’s capable, but I think you’ll win.“ Bertrand Russell an Cassius Clay, den späteren Muhammad Ali, vor dessen Kampf gegen Henry Cooper, England. „You’re not as dumb as you look.“ Cassius Clay an Bertrand Russell, Philosoph und Literaturnobelpreisträger. (Gefunden in: Dave Zirin: Muhammad Ali Handbook, London 2007: MQ)

männerschmuck 2

Donnerstag, Dezember 20th, 2007

solis.jpgMeine Faszination für den Männerschmuck, den in den Westen geflohene kubanische Weltklasseboxer auftragen, ist ungebrochen. Heute präsentiert der Schwergewichtler Odlanier Solis, der am 23.12. in Halle gegen Julius Long (denn der ist 2,16 Meter lang) boxen wird, seine Kette, seinen Ohrring, seinen Ring, seine Armbanduhr und, auch nicht schlecht, seine Basecap. Das Foto stammt von der Arena Boxpromotion. 

rocchigiani, das buch

Donnerstag, Dezember 20th, 2007

Eine Würdigung der Autobiografie des Mannes, der das schöne Wort „Advokatenscheißer“ erfunden hat: in der Jungle World

heute im karstadt

Mittwoch, Dezember 19th, 2007

Im Vorbeigehen gehört. Eine Verkäuferin, mittleres Alter, schwarzer Pullover, keinesfalls unsympathisches Äußeres, sagt zu einem älteren Ehepaar, das sie anscheinend persönlich kennt: „Es gibt ja ein schönes Sprichwort, das heißt: Arbeit macht frei.“

dylan als boxer

Dienstag, Dezember 18th, 2007

In der taz ein Stück von mir darüber, dass der Boxsport die Wunschbiografie von Bob Dylan bereithält. Oder dass zumindest alles dafür spricht, dass dem so ist. Und warum das bislang keiner bemerkt hat.