fischer & dylan, eine werkschau

Im Tagesspiegel hat der beliebte elder statesman Joschka Fischer berichtet, Bob Dylan habe ihm einmal sehr viel bedeutet:

„Als ich Bob Dylan zum ersten Mal gehört habe, wuchs in mir dieses Gefühl eines weiten Landes, dieses: Lass das alles hinter dir! Ich spürte die ganze Sehnsucht, auch die Tragik in seiner Musik. Die Texte hast du ja damals gar nicht wirklich verstanden, das war viel mehr die Musik. Ich bin zwar kein besonders musikalischer Mensch, das alles aber hat etwas in mir zum Klingen gebracht.“               

Er besitze noch „natürlich die ganzen Dylan-Platten“, höre sie aber nicht mehr.

Die zeitliche Abfolge war diese:

„Unsere Vätergeneration – das war der autoritäre Ton, die Marschmusik“,               

sagt er dem Tagesspiegel. Als Schüler, so teilt er es 1999 in seinem Buch „Mein langer Lauf zu mir selbst“ mit, hatte er es

„mit dem Lernen des Flügelhornblasens im dörflichen Musikverein versucht, war aber jämmerlich an dem Lärm, den diese Übungen notgedrungenermaßen verursachten, an den beengten Lebensverhältnissen in meiner Familie und an der Nachtschicht eines Nachbarn gescheitert, der unter wüsten Beschimpfungen und unter Androhung von Prügeln gegen meine musikalischen Gehversuche als Hornist intervenierte.“               

Nach dem Horn kam „Glenn Miller“, sagt er im Tagesspiegel, die „coolen amerikanischen Soldaten in den Kasernen Süddeutschlands, AFN“. Die erste Platte, die Fischer gekauft (nicht geklaut) habe, war „die mit ‚Blowin’ in the Wind’ drauf“. Das war „The Freewheelin’ Bob Dylan“ aus dem Jahr 1963, da war Fischer 15 Jahre alt.

Sie bewirkte, sagte Fischer 1985 in einem Interview mit dem Playboy, dies:

„Wenn man Bob Dylan hörte, stand man kurz vor einer Schlägerei mit dem Alten. Aber es war nicht nur der Vater. Auch  auf der Straße wurde man angepöbelt.“               

1996 fand Fischer dann, wie er es in seinem Laufbauch mitteilt, im Haus eines Freundes keinen Dylan mehr:

„Irgendwann kramte ich nach CDs, um Musik zu hören, und ich fand nur klassische Musik – Reqiems, Streich- und Klavierkonzerte, Kantaten etc.“ Das gefiel ihm. „Es war allein die Musik, die mich unversehens in ihren Bann schlug, und so ist es bis heute geblieben.“      

„Bis heute“ heißt: „bis 1996“. Denn: „Das Laufen und die Oper, Mozart vor allem, sind“, schreibt er, „untrennbar miteinander verbunden.“ Und das Abnehmen also. 

Interessant noch, dass der Tagesspiegel Fischer sogar meinen Text über Dylan und die 68er kommentieren lässt: 

Tagesspiegel: Die Wochenzeitung „Freitag“ hat zusammengefasst, wofür Sie Schuld tragen: „Staatsgläubigkeit, kryptosozialistische Versorgungssysteme, Selbsthass und Identitätsverlust.“               

Fischer: Halten wir lieber fest: Die 68er sind schuld an allem, auch, dass die „Bild“-Zeitung so ist, wie sie ist.

Tja.

Nachtrag: Es gab 2005 eine TV-Dokumentation über Joschka Fischer, in der er stolz erzählte, wieder mehr Dylan zu hören, aber, „dass wir uns nicht falsch verstehen“ fügte er hinzu, dass das nichts mit Politik zu tun habe. Vermutlich hat es mit Dylan auch nichts zu tun. Nur mit Fischer.

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