VOR ZEHN JAHREN: fußballkrise und hessenwahl

Warum nicht ab und an alte Texte veröffentlichen, dachte ich mir. In loser Folge werde ich Texte, die vor ziemlich genau zehn Jahren entstanden und die mir heute noch lesenswert erscheinen (das heißt nicht unbedingt, dass sie gut sind oder wenigstens waren!), veröffentlichen. Den Anfang macht ein Artikel aus der Jungle World 7/99 vom 17.2.1999. Die Fußballnationalmannschaft war gerade in einer Krise, als Retter war Erich Ribbeck berufen worden, der Kanzler hieß damals Gerhard Schröder, und es sollte noch bis zum Oktober 1999 dauern, bis Ribbeck mit Mustafa Dogan erstmals einen türkischstämmigen deutscher Fußballer in der Nationalelf auflaufen ließ.

Fußballdeutsche und deutsche Fußballer

Was die Niederlage der Nationalmannschaft mit der Hessen-Wahl zu tun hat.

von martin krauss

„Ich will ja nicht chauvinistisch sein.
Aber hätten wir 1918 die Kolonien nicht verloren, dann hätten wir 
Spieler
aus Deutsch-Südwest-Afrika in der Nationalelf.“
 Gerhard Mayer-Vorfelder

„Ich gehe noch weiter: Hätten wir 1945
den Krieg nicht verloren, wäre das am Samstag ein ganz normales
DFB-
Pokalspiel gewesen.“
 Harald Schmidt

Nun ist zwar Gerhard Mayer-Vorfelder CDU-Minister in Baden-Württemberg, Vizepräsident des Deutschen Fußballbundes und auch sonst als Funktionsträger in Vereinen und Verbänden aktiv, in die man eher nicht eintreten möchte, aber was den deutschen Fußball und also die doppelte Staatsangehörigkeit angeht, da argumentiert der letzte Freund der deutschen Kolonien so richtig rot-grün: „Bei sieben Millionen Ausländern müssen wir umdenken, uns mehr um die Fußballdeutschen kümmern und mit den Eltern über Einbürgerung reden.“

Daß an dem Wochenende, an dem die rot-grüne Koalition in Hessen mit Hilfe einer völkischen Kampagne abgelöst wurde, die deutsche Fußballnationalmannschaft mit 0:3 in Florida gegen die USA verlor, ist weder Zufall noch billiges fußballerisches Abbild politischer Entwicklungen, sondern dem einfachen Tatbestand geschuldet, daß Sport nicht vom Himmel gefallen ist, sondern historisch entstanden und also vergesellschaftet ist.

Fußballerisch gewendet, will der hessische Wähler, daß junge deutsche Männer, die nicht aufs Geld schielen, sondern die mit dem von Erich Ribbeck in der Halbzeitpause vergeblich gepredigten Wort „Ehre“ noch etwas anfangen können, demnächst dieses Land vertreten. Solche Männer gibt es in Deutschland, allein, sie sind bislang nicht durch gutes Fußballspiel aufgefallen.

Die Fußballprofis, die Deutschland gerade zur „Lachnummer“ (FAZ) werden ließen, sind dagegen eher europäisch, wenn nicht gar kosmopolitisch agierende Menschen. Wenn das Bundespresseamt sie bäte, zusammen mit Marius Müller-Westernhagen, Boris Becker und Thomas Gottschalk den Satz „Wir wollen stolz sein auf eine moderne, weltoffene Bundesrepublik Deutschland. Dazu gehört auch ein zeitgemäßes Staatsbürgerschaftsrecht“ zu bewerben, wären sie dabei. Dem modernen Fußballprofi wäre selbst der Satz „Der Paß bedeutet auch Heimat“ nicht aufgefallen, in dem sich der alt-linke deutsche Glaube an die Omnipotenz des Staates, inklusive seiner Fähigkeit zur Kulturvermittlung, offenbart.

Dem Glauben an die Macht, die von oben kommt, sind zur Zeit Gerhard Schröder und Erich Ribbeck gleichermaßen aufgesessen. Ribbecks Vorgänger Berti Vogts war in den Jahren nach 1990 nicht sonderlich erfolgreich, aber dank eines Europameistertitels 1996 auch nicht richtig erfolglos. Aber dann kam das Modell Vogts in die Jahre, bei der Fußball-WM in Frankreich im letzten Jahr schied sein Team, wie schon 1994 in den USA, im Viertelfinale aus. Der Neuanfang scheiterte, Vogts trat zurück. Das Image der Nationalelf war ruiniert. Diese Situation erinnerte an das frühe Scheitern bei der EM 1984.

Damals mußte Bundestrainer Jupp Derwall zurücktreten, und dem DFB gelang es, einen Teamchef zu verpflichten, unter dem die Mannschaft zwar zunächst wesentlich schlechter spielte, der aber dank seiner Prominenz und vor allem dank seiner Medienerfahrung das Team aus den Schlagzeilen hielt. Der Retter galt fortan als Lichtgestalt und hieß Franz Beckenbauer.

So eine Lichtgestalt suchte der DFB nun wieder. Gehandelt wurden erfolgreiche Bundesliga-Coaches wie Christoph Daum, Otto Rehhagel oder Ottmar Hitzfeld, die nicht wollten. Gesucht wurden gute deutsche Trainer, die zur Zeit arbeitslos sind, doch Jupp Heynckes sagte ab. Gesucht wurde einer, der mittels seiner unkonventionellen Ansichten für ein ganz anderes Modell steht, aber Paul Breitner war beim DFB nicht durchzusetzen. Gesucht wurde immer nur ein deutscher Trainer, an die Verpflichtung eines ausländischen Fußballehrers, der vielleicht für ein anderes, unter Umständen gar weltläufigeres Verständnis von Fußball – das eventuell gar Spielern, die in ausländischen Ligen oder unter ausländischen Trainern ihr Geld verdienen eher zu vermitteln wäre – besäße, wurde nie gedacht.

So wurde ein sonnengebräunter Rentner verpflichtet, dessen größtes sportliches Verdienst darin bestand, einmal den Uefa-Cup gewonnen zu haben. Der Mann hieß Erich Ribbeck und war eine Art Beckenbauer im Westentaschenformat. Die Mannschaft spielte weiter so schlecht, wie eben auch unter Beckenbauer 1984, aber Ribbeck konnte sich nicht schützend vor das Team stellen. Das liegt zum großen Teil daran, daß Ribbeck eben nicht den Rang eines Beckenbauer hat, es liegt aber auch daran, daß im Jahr 1999 Maßnahmen wie die, die Beckenbauer 1984 ergriff, nicht mehr wirken können. Der ließ nämlich die Nationalspieler unter der Drohung, sonst nicht mehr mittun zu dürfen, die Hymne mitsingen. Es war ein besonders intensiver Appell an das, was bislang jeder Bundestrainer als „deutsche Werte“ beschrieben hat: Kampfkraft, Härte, Fleiß, Zweikampfüberlegenheit, die Bereitschaft, da hinzugehen, wo es wehtut, und sich im Laufe eines Turniers zu steigern.

Indem die Ehre so definiert wurde, war sie immer nationalistisch. Es war nie die rein fußballerische Ehre, die es auch gibt, und die einfach darin besteht, ein Spiel nicht verlieren zu wollen. Es ist immer die Ehre gemeint, die im Fußball immer mit dem Begriff „deutsche Tugenden“ umschrieben wird. Schaut man sich die Realisierung dessen an, was Ehre genannt wird, kommt noch eine weitere Komponente hinzu: die Schiß, im Fall einer Niederlage Schimpfe zu kriegen, bestraft zu werden. Entsprechend entgeistert kickten die Jungs von Trainer Ribbeck, dem man noch nicht mal die Domina-Rolle abnimmt, im Spiel gegen die USA.

Entsprechend aufgeschreckt, nach klaren Worten des in der Rolle des Bestrafers etwas glaubwürdigeren Uli Stielike, hoppelten die Jungs beim 3:3 gegen Kolumbien über den Rasen. Individuell beflissen, damit ja das Schlimmste nicht wieder eintrifft: daß nämlich der Kicker sechs Spielern die Note 6 erteilte (Babbel, Ricken, Ramelow, Möller, Zickler, Marschall) und weiteren drei Spielern die Note 5,5 (Matthäus, Rehmer, Preetz).

Das Problem der deutschen Nationalmannschaft besteht in dem Umstand, sich modern präsentieren zu wollen, aber genau die Anforderungen, die von der Weltgesellschaft an eine mit einem solchen Anspruch angetretene Mannschaft gestellt werden, nicht erfüllen zu können und sie nicht einmal zu kennen. Was soll wohl ein moderner Spielzug sein, wenn die Abwehr von Lothar Matthäus organisiert wird? Welche taktische Anlage darf vermutet werden, wenn beim deutschlandbejahenden Teil des Publikums das Einfliegen eines Christian Wörns als Hoffnungsschimmer gewertet wird?

Die Gesellschaft hat bei der Abwahl von Helmut Kohl, und der Berufung von Gerhard Schröder und Joseph Fischer gezeigt, daß sie schon bereit wäre, eine weniger reaktionäre Variante als die bislang herrschende zu bevorzugen, aber die Neuen, die Fischers, Ribbecks und Schröders, merken nun, daß das, was sie wollen, was sie mit dieser Gesellschaft vorhaben, auch nur mit den dieser Gesellschaft adäquaten Mitteln geschehen kann. Die „moderne, weltoffene Bundesrepublik“, die nach Angaben von Marius Müller-Westernhagen, Boris Becker und Thomas Gottschalk existiert, basiert auf den Tugenden, mit denen dieses Land dreimal Fußballweltmeister wurde.

Folglich ist es auch kein Zufall, daß der Fußball dieser Gesellschaft die Alternative gezeigt hat: entweder ein modernes Staatsbürgerschaftsrecht oder aber Besinnung auf deutsche Werte. Wie ersteres auf dem kulturellen Fundament dieser Gesellschaft realisiert werden sollte, erkennt man daran, daß man lieber den Rentner Ribbeck holte statt einen ausländischen Fachmann. Oder halt auch daran, daß einer wie Mayer-Vorfelder sich für ein Einbürgerungsrecht stark macht und es dabei, was eben kein Widerspruch ist, fertigbringt, ein bißchen Rassismus miteinfließen zu lassen. Letzteres aber, die deutschen Werte, hat den Nachteil, nicht marktförmig zu sein, sich halt nicht zu rechnen.

Ein moderner Fußballprofi, der seinen Wert auf dem europäischen Markt realisiert, weiß jedoch genau, daß er sich für Kampfkraft, Härte und Fleiß nichts kaufen kann, wenn die Kollegen die Tore schießen, die Werbeverträge abschließen und von den Teenagern angehimmelt werden und er bloß auf der Bank sitzt.

Nur junge Menschen, denen die Nation mehr bedeutet als das eigene Wohlergehen, die auch dann stolz eine Glatze tragen, wenn ihnen die Entlassung droht, und die glaubwürdig alles Deutsche repräsentieren, Mitglieder einer Nazi-Skin-Combo also, können die Nationalmannschaft noch retten. Die war nämlich immer stolz darauf, daß, wer bei ihr mittun darf, dies als Ehre empfindet, für die er nie und nimmer die Hand aufhalten dürfe. Eine unbürgerliche, aber sehr nationalistische Tugend ist es, und erst in der gegenwärtigen Krise bemerkt man, daß dies der Stoff ist, aus dem diese Nation ihre Erfolge gewonnen hat.

(aus: Jungle World Nr. 7, 17. Februar 1999)

One Response to “VOR ZEHN JAHREN: fußballkrise und hessenwahl”

  1. […] verlinke ich einfach auf meinen Blog, wo die Texte im Original stehen: Mit Ei auf dem Kopf und Fußballdeutsche und deutsche Fußballer. (Da, in meinem Blog, habe ich nämlich das grandiose Projekt gestartet, alte Texte revisited neu […]