VOR ZEHN JAHREN: herr ribbeck

Weiter geht’s mit alten Texten, genauer: ziemlich genau zehn Jahre alten Texten. Und es geht mit dem Ribbeck-und-wann-und-wie-spielen-endlich-Migranten-in-der-Nationalelf-Thema weiter. Diesmal ein Text aus dem Freitag, Nr. 8/99, 19.2.99.  

Mit Ei auf dem Kopf

Sportplatz, von Martin Krauߠ

„There’s no success than failure, and failure is no success at all“, heißt es bei Bob Dylan, und ein Scheitern ist ja auch bei der deutschen Fußballnationalmannschaft zu registrieren. Man hätte sich und anderen in den letzten Jahren viel vorgelogen, wenn man das jetzt nicht begrüßte. Die Nationalmannschaft in den USA, das ist wie Helmut Kohl mit Ei auf dem Kopf in Halle. Sie gehört also zu den Annehmlichkeiten des bundesdeutschen Alltagslebens.

Nach Frankreichs WM-Sieg im Sommer hatte die FAZ geschrieben: „Nur als Equipe multiculturelle, so ihre Botschaft, kann Frankreich im internationalen Vergleich bestehen.“ Nach Deutschlands WM-Ausscheiden und allen vergeblichen Versuchen, unter einem Bundestrainer Berti Vogts, einem Beinahetrainer Paul Breitner und einem in vierter oder fünfter Wahl verpflichteten Teamchef Erich Ribbeck, einen Umbruch in der Nationalmannschaft zu bewerkstelligen, lautet die Botschaft, daß Deutschland als völkisch definierte Equipe im internationalen Vergleich nicht nur nicht bestehen kann, sondern schon längst gescheitert ist.

Dieser Befund ist eindeutig, strittig ist nur, ob sich hiesige Eliten damit abgefunden haben und folglich mit dem zivilisierten Teil der Weltgemeinschaft künftig eher nichts mehr zu tun haben möchten, eine Option, die sich beispielsweise darin realisiert, indem man Unterschriften gegen die Türken sammelt und so den hessischen Ministerpräsidenten stellt, oder ob die hiesigen Eliten doch weiter darauf setzen, in der Welt als Wer zu gelten. Dafür hat sich der Multifunktionär Gerhard Mayer-Vorfelder ausgesprochen: „Bei sieben Millionen Ausländern müssen wir umdenken, uns mehr um die Fußballdeutschen kümmern und mit den Eltern über Einbürgerung reden.“

Da haben Erich Ribbeck und Gerhard Mayer-Vorfelder ganz schön was zu tun, wenn sie mit den Eltern von sieben Millionen Ausländern reden, ob die ihre Kinder nicht in die Nationalelf schicken mögen.

Die Kinder, wenn sie in die Entscheidung einbezogen würden, stellten gewiß eine in den neunziger Jahren sehr übliche Gegenfrage: Was bringt mir das, was zahlt ihr denn? würden sie von den bösen Onkeln Ribbeck und Mayer-Vorfelder wissen wollen, und damit hätten sie das Dilemma der deutschen Nationalmannschaft klarer benannt als es die zwei Befragten je könnten.

Ein Auftritt in schwarz-rot-gold bringt einem Spieler nämlich materiell nichts. Früher wäre wenigstens der Werbewert gesteigert worden, aber Mitglied einer Truppe zu sein, die sich in den USA lächerlich macht, ist  ja doch eher rufschädigend.

Deutsch sein heißt, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun, hat Wilhelm II. einmal definiert, und genau so sieht es denn auch aus, wenn Lothar Matthäus eine Abseitsfalle organisiert. Wenn nichts mehr geht, wird um der nationalen Sache selbst wegen auf deutsche Tugenden gepocht. Mit Kampfkraft und Einsatzfreude, mit gesunder Härte und eine Zweikampfverhalten, mit dem sich für die Galerie kein Blumentopf gewinnen läßt, soll der Gegner niedergekämpft werden.

Soll, klappt aber nicht. Denn das Problem der Herren Ribbeck und Mayer-Vorfelder besteht in dem Umstand, daß auch bei einem Fußballer das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt und daß er folglich, um gut und erfolgreich Fußball zu spielen, dazu neigen muß, ein Kosmopolit zu sein: Einer, der den Karrierehöhepunkt in Italien verbringen möchte, einer, der auch mal in der spanischen und englischen Liga kickt, einer, der eine Karrierekrise in der mexikanischen Liga überbrücken kann und der seine sportliche Laufbahn finanziell gut abgesichert in Japan oder der Türkei ausklingen läßt. Und vor allem einer, der nur dann über den Platz rennt, wenn es ihm finanziell etwas bringt. Dann allerdings ist er auch für die deutsche Nationalmannschaft zu haben, wenn der Preis stimmt.

Es ist nicht auszuschließen, daß bald auch die DFB-Verantwortlichen zu dieser Erkenntnis gelangen, und solange sollte man den Augenblick genießen: There’s no success than Ribbeck, and Ribbeck is no success at all.

One Response to “VOR ZEHN JAHREN: herr ribbeck”

  1. […] veralteten Texten zumülle, verlinke ich einfach auf meinen Blog, wo die Texte im Original stehen: Mit Ei auf dem Kopf und Fußballdeutsche und deutsche Fußballer. (Da, in meinem Blog, habe ich nämlich das grandiose […]