Archive for April, 2009

lothars abschied aus israel

Donnerstag, April 30th, 2009

Hier finden sich die zehn ultimativen Gründe, warum Matthäus’ Passion im Heiligen Land vorüber ist und der Weltfußballer-und-Weltmeister-und-Rekordnationalspieler zu Saisonende den israelischen Erstligisten Maccabi Netanja verlassen wird.

1. Ein Lothar Matthäus hält sich bereit für die anstehende Jupp-Heynckes-Nachfolge beim FC Bayern München.

2. Ein Lothar Matthäus macht eine kreative Pause.

3. Wenn Wolfsburg anruft, will ein Lothar Matthäus nicht lange fackeln.

4. Er hat ein gut dotiertes Angebot als Karl-Theodor-Maria-Nikolaus-Johann-Jacob-Philipp-Franz-Joseph-Sylvester-Kurzzeitwilhelm-Freiherr-von-und-zu-Guttenberg-Double.

5. Hertha BSC Berlin hat Interesse an einem Lothar Matthäus gezeigt.

6. Einem Lothar Matthäus wurden Gerüchte zugetragen, dass das Erreichen des vierten Platzes der israelischen Liga, nachdem sein Vorgänger zweimal hintereinander Vizemeister wurde, nicht ganz den in einen Lothar Matthäus gesteckten Erwartungen entspricht.

7. Mit Unterstützung der isländischen Staatsbank wird einem Lothar Matthäus ein gut dotierter Fünfjahresvertrag beim isländischen Erstligisten Ungmennafélag Grindavíkur angeboten – „eine sportliche Herausforderung für einen Lothar Matthäus“, zumal eine Ausstiegsklausel für die Bundesliga vorliegen soll, wenn

8. Hoffenheim einen Lothar Matthäus anruft.

9. Ein Lothar Matthäus leidet am Burn-Out-Syndrom.

10. Ein Lothar Matthäus wird Nationaltrainer von Israel.

plop-plop-diplomatie

Donnerstag, April 30th, 2009

Der Begriff Ping-Pong-Diplomatie ist mittlerweile ein eingeführter politikwissenschaftlicher Terminus. Historisch beschreibt er die Annäherung der USA und der Volksrepublik China zu Beginn der Siebzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts: Erst kam es zu Tischtennis-Begegnungen, dann zu politischen Gesprächen. Der Sport, das umschreibt der Begriff seither, ist zu einer Form der soften Außenpolitik geworden: Mal dienten Sportbegegnungen der Annäherung von verfeindeten Ländern, mal wurden Sportboykotte als softe Formen der Sanktion benutzt.

Eine besondere Form der Annäherung zweier Länder  fand gerade in Marokko ihr Ende: Shahar Pe’er, israelische Profitennisspielerin, nahm nämlich als erster Israeli an einem Turnier in dem arabischen Land teil. Allerdings verlor Pe’er, gerade 53. der Tennisweltrangliste, bei dem Turnier in Fes in der zweiten Runde gegen die tschechische Spielerin Lucie Hradecka mit 6:4, 6:1. Das ist für Pe’er keine optimale Vorbereitung auf die French Open, die Ende Mai beginnen. Sportpolitisch sorgte Pe’er zuletzt unfreiwillig für Aufsehen, weil sie bei einem Turnier in Dubai nicht antreten  durfte.

Dass Pe’er jetzt in Marokko spielte, ist nicht nur sportpolitisch ein großer Schritt nach vorne. Es reiht sich ein in jüngere Tendenzen der internationalen Politik: Marokko brach im März die diplomatischen Beziehungen zum Iran ab, einem Regime, das bekanntlich Israel von der Landkarte löschen möchte. Und bei der umstrittenen Antirassismuskonferenz der UNO im April verließen auch die Delegierten Marokkos gemeinsam mit den meisten Delegierten von EU-Ländern den Saal, als Irans Präsident Mahmud Ahmadinedschad seine offen antisemitische Tirade verbreitete.

Früher war das anders: 1997 weigerte sich das marokkanische Tennis-Davis-Cup-Team noch, in Tel Aviv anzutreten. Und 1998 hatte die marokkanische Regierung der israelischen Mannschaft, die an der Cross-WM teilnehmen wollte, trotz vertraglicher Zusicherungen, die Einreise verweigert.  

Achtet man auf die Geräusche, die den Tennissport typisch machen, dürfte man jetzt von einer Plop-Plop-Diplomatie sprechen.

doping, überwachung, staat

Samstag, April 25th, 2009

Einer der vielen heiklen Bereiche der Antidopingpraxis gerät derzeit (sehr zu Recht) in die Diskussion. Auf die Forderung, dass Sportler ihren Kontrolleuren immer und überall für Urintests, also quasi 24/7, zur Verfügung stehen sollen, gibt es Widerstand von gerade solchen Sportlern und Sportverbänden, die ökonomisch stark und unabhängig sind. Zu allem Überdruss müssen sich die Sportverbände und Nationalen Antidoping-Agenturen gerade von Datenschützern und EU-Politikern etwas erklären lassen, dass so gar nicht in ihr Weltbild passt: dass nämlich Menschenrechte auch für Sportler gelten. Ein Text von Rolf-Günther Schulze und mir in der Jungle World dazu: Pioniere der totalen Überwachung. Und aus besagtem Anlass sei vielleicht noch mal auf unser Buch Wer macht den Sport kaputt? Doping, Kontrolle und Menschenwürde hingewiesen, dass doch von Woche zu Woche aktueller wird. 

VOR ZEHN JAHREN: where have you gone, joe dimaggio

Donnerstag, April 23rd, 2009

Mal wieder ein sehr subjektiv ausgesuchter Rückblick aufs Frühjahr 1999. Es geht um Baseball vs. Fußball, um Sport vs. Kultur, um Europa vs. Amerika, das heißt letztlich auch um Herbert Grönemeyer vs. Simon&Garfunkel. Ein Text aus der Jungle World vom 21. April 1999. 

Making a Difference

von martin krauss

Einer der wenigen gelungenen Versuche, die Bedeutung, die der Baseball in den USA besitzt, auf hiesige Verhältnisse zu übertragen, gelang dem „taz“-Journalisten Thomas Winkler, als er die Relevanz des Rekordes von 70 Home Runs in einer Saison, den im letzten Jahr Mark McGwire von den St. Louis Cardinals aufstellte, so beschrieb: „Gerd Müller. 1971/72. 40. Was sagt uns das?“

Alle anderen Versuche gehen ins Leere, wie überhaupt im deutschen Kulturraum von kaum einem gelungenen Versuch zu berichten ist, den Sport als das darzustellen, was er ist. Wenn beispielsweise Herbert Grönemeyer singt, der VfL Bochum mache mit „’nem Doppelpaß / jeden Gegner naß“, dann reimt sich das zwar, die Phrase „jemanden naßmachen“ist jedoch eine etwas veraltete Sportsprache. Und mit der Spielweise des VfL Bochum hat das Ganze überhaupt nichts zu tun – dem Fußball wird Grönemeyer damit nicht gerecht.

Das gilt auch, wenn jemand dichtete: „Wo bist du gewesen, Max Schmeling? Eine Nation wendet Dir ihre einsamen Augen zu.“ Eine solche Liedzeile würde zu Recht ungehört verhallen.

Anders ist es aber, wenn es heißt: „Where have you gone, Joe DiMaggio? / A nation turns its lonely eyes to you / What’s that you say Mrs. Robinson / Joltin‘ Joe has left and gone away.“ So heißt es in „Mrs Robinson“ von Simon and Garfunkel, und Paul Simon war es auch, der auf der Kommentarseite der „New York Times“ den Nachruf auf Joe DiMaggio schreiben durfte, als dieser am 8. März 1999 verstarb. Im Sportteil erschienen am gleichen Tag übrigens sieben Beiträge über das Leben des Sporthelden. Sie hießen: „Joe DiMaggio, the Yankee Clipper and an American Icon, Dies at 84“, „Sports of The Times: His Privacy, Pride, Ego and Dignity“, „Sports of The Times: DiMaggio Left a Mark in the Sands, „DiMaggio’s 56: A Streak for the Ages“, „Contemporaries Remember Him as the Best Baseball Had to Offer“, „Today’s Yankees Mourn a Timeless Hero“ und „Coast Friends Recall DiMaggio as a Loner“.

In seinem Nachruf schreibt Paul Simon, man hätte ihm gesagt, DiMaggio sei über seinen Song verärgert. Aber eines Tages sah er ihn zufällig in einem italienischen Restaurant. „Ich ging hin und stellte mich als der Komponist vor. Ich hätte nicht beunruhigt sein müssen. Er war sehr freundlich und lud mich ein, mich zu ihm zu setzen, worauf wir sofort in die Unterhaltung über das einzige Thema verfielen, das wir gemeinsam haben. ‚Was ich nicht verstehe‘, sagte er, ‚ist warum Sie fragen, wo ich hingegangen bin. Ich hatte damals gerade einen Werbevertrag mit einer Kaffeefirma, ich bin weiterhin der Sprecher der Bowery Savings Bank, und ich war also nirgendwohin gegangen.‘ Ich sagte ihm, daß die Zeilen nicht wörtlich gemeint sind, daß ich ihn als einen American Hero ansehe und daß echte Helden halt selten seien. Er akzeptierte diese Erklärung und dankte mir. Wir gaben uns die Hände und wünschten uns gegenseitig einen schönen Abend.“

Joe DiMaggio, der Ex-Ehemann von Marilyn Monroe, ist also tot. Sein Team, für das er gespielt hat, mit dem er berühmt wurde und dem er seinen Spitznamen „The Yankee Clipper“ verdankt, die New York Yankees, wurden wenige Monate vor seinem Tod noch Gewinner der World Series, mit dem, wie die Fachpresse schrieb, besten Teams der Baseballgeschichte.

Der Besitzer der Yankees, der egozentrische Millionär George Steinbrenner, erklärte damals, der Titel seit auch für den schon damals im Krankenhaus liegenden DiMaggio herausgespielt worden. „Wir wollten für Joe und Darryl siegen“, erklärte Steinbrenner, und verwies auch auf den an Dickdarmkrebs erkrankten Außendfeldspieler Darryl Strawberry, „das ist das Motto der Yankee-Familie: einer für alle, alle für einen.“

Dieser Darryl Strawberry ist in der vergangenen Woche, am 15. April, wegen Drogenbesitzes und Anstiftung zur Prostitution verhaftet worden. Seinen Krebs hatte er überwunden, und wegen der Unterstützung durch George Steinbrenner blieb er auch im Team. Während vor wenigen Wochen die neue Saison begann, trainierte Darryl Strawberry im Minor-League-Camp der Yankees in Tampa, Florida. Dort sprach er eine Undercover-Agentin der Polizei an und bot ihr 50 Dollar für Sex, bei einer Untersuchung wurden 0,3 Gramm Kokain, eingewickelt in einen Zwanzig-Dollar-Schein gefunden. Wenn der 37jährige Strawberry Pech hat, könnte die Aktion das Ende seiner Karriere bedeuten, aber noch hält George Steinbrenner zu ihm.

Darryl Strawberry ist mit der Bedeutung eines Joe DiMaggio nicht zu vergleichen. Aber Darryl Strawberry gehörte, zumindest zu Beginn der Saison, zu dem Team der New York Yankees, das 1998 mit 125 Siegen die World Series holte, das Team, das ohne die ganz großen Stars den besten Baseball bot, der denkbar war und das sich durchsetzte gegen Stars wie St. Louis‘ Mark McGwire mit seinem sagenhaften Home-Run-Rekord, dicht gefolgt von Sammy Sosa von den Chicago Cubs, der die Saison mit 66 Home Runs abschloß.

Gegen diese sensationellen Könner setzten sich die Yankees als Kollektiv durch, zusammengestellt von Joe Torre, dem Chefcoach, der zu Beginn dieser Saison an Prostatakrebs erkrankte und aussetzen muß. Ersetzt wird er übergangsweise von Don Zimmer, von dem die „Washington Post“ vermutet, er habe in seiner 51. Baseball-Saison vielleicht schon zu viele Dekaden bei Clubs verbracht, in denen er die Yankees hassen mußte.

Bislang sind die Yankees gut in die Saison gestartet, sie führen in der American League, Eastern Division, die Tabelle an. Ein Heimspiel im legendären Yankee-Stadion aber haben sie verloren, und das war ein 7:9 gegen die Baltimore Orioles. Diese wiederum sind eigentlich in einer tiefen sportlichen Krise. Millionen wurden reingepumpt, aber bislang holte das Team etwa ein Drittel Siege und zwei Drittel Niederlagen. Die „Washington Post“ prognostiziert, daß „dieses Team, so groß die Gehaltsliste für die Spieler auch sein mag, keine realistische Chance für die World Series hat.“

Gegen diese Orioles verloren die Yankees also, nachdem sie zunächst ein Spiel gewonnen hatten, und die Niederlage besitzt einen besonders schmerzlichen Aspekt.

Die Orioles waren im März dieses Jahres das erste US-Profi-Baseballteam, das in Havanna gegen die kubanische Nationalmannschaft antrat. Und die Orioles gewannen dieses symbolträchtige Spiel, bei dem alle Spieler von Fidel Castro persönlich begrüßt wurden, mit 3:2.

In einem theoretischen Quervergleich verloren die Yankees in ihrem legendären Stadion in der New Yorker Bronx gegen die Kuba-Bezwinger. Doch eine solche Bedeutung will man in New York genausowenig akzeptieren wie die US-Regierung in ihm einen Akt der Entspannungspolitik sehen möchte.

Daß das Havanna-Spiel eine neue Phase der Beziehungen zwischen Kuba und den USA einleitet, glauben lediglich die kubanische Regierung und die Exil-Kubaner, die überwiegend in Miami leben. Letztere zogen im „Miami Herald“ Vergleiche zur Ping-Pong-Politik, die die USA 1971 betrieben, als sie eine Tischtennis-Team in die Volksrepublik China entsandten, um so diplomatische Kontakte vorzubereiten. 1975 gab es ähnliche Pläne vom damaligen Außenminister Henry Kissinger, mit Baseball „das Eis in den Beziehungen mit Kuba zu brechen“. Dazu kam es damals nicht, und heute wollen es die Exil-Kubaner auch verhindern.

Ganz andere Erinnerungen offenbarte hingegen Fidel Castro bei dem Gastspiel der Orioloes. „Er erzählte mir, daß Havanna schon immer eine gute Baseball-Stadt war“, berichtete Orioles Chefcoach Ray Miller über seine Unterredung mit Castro.

Der wiederum hat damit, vielleicht unfreiwillig, an eine andere Tradition der Major League Baseball erinnert, eine, die viel mit Joe DiMaggio und dem Kult um den großen Baseball der frühen Jahre zu tun hat.

In Ernest Hemingways „The Old Man and the Sea“ berichtet der alte Mann dem jungen, der bei ihm das Fischen lernt, von den Winterquartieren, die die Baseballprofis aus Kuba abhielten, um sich ein paar Dollar mehr zu verdienen. Kuba war auch im Sport faktisch eine Kolonie der Vereinigten Staaten. Im Puff von Miami wurde auch Baseball gespielt, und wie die Begeisterung funktionierte, beschreibt Hemingway.

„‚Erzähl mir vom Baseball‘, fragte ihn der Junge.

‚In der American League sind das die Yankees, wie ich schon mal sagte‘, erzählte der alte Mann glücklich.

‚Sie haben heute verloren‘, sagte der Junge.

‚Das hat nichts zu bedeuten. Der große DiMaggio ist wieder der alte.‘

‚Sie haben noch andere Spieler im Team.‘

‚Natürlich. But he makes the difference.'“

Aus: Jungle World, Nr. 17/99 vom 21. April 1999

naziverbrechen

Donnerstag, April 23rd, 2009

hoffmann-cover.jpg „Das kann man nicht erzählen“ lautet der Titel einer wirklich bahnbrechenden historischen Studie von Jens Hoffmann. Es geht um die „Aktion 1005“, mit der Wehrmacht und SS die Spuren ihrer Verbrechen in Osteuropa beseitigen oder vertuschen wollten – um, nachdem sie spätestens Anfang 1942 bemerkt hatten, dass es mit dem Endsieg nichts mehr wird, nurmehr als halbwegs normale Kriegsverbrecher und -verlierer dazustehen, ohne dass die einzigartige Monstrosität ihrer Taten erkennbar wird. So ganz ist das Kalkül nicht gescheitert. Hier meine Rezension in der Jüdischen AllgemeinenSpurlos. Und hier der Link zum Buch.

hiv, doping und pressefreiheit

Sonntag, April 19th, 2009

In der heutigen FAS findet sich von Nils Minkmar ein kluger Text über den Fall einer 26-jährigen Sängerin, die mit HIV infiziert ist und, weil die Staatsanwaltschaft ihr vorwirft, beim ungeschützten Geschlechtsverkehr einen Mann infiziert zu haben, in Untersuchungshaft sitzt: Der Staatsanwalt in meinem Bett. Er beginnt so:

Am Dienstagnachmittag wurde ich von seriösen Medien unter Berufung auf eine deutsche Behörde über die schwere Erkrankung und das Sexualverhalten einer lebenden, mir persönlich nicht bekannten Frau unterrichtet, und zwar gegen deren Willen.Das ist neu: Nie zuvor wurden in so kurzer Zeit derart intime Informationen aus mehreren, die Menschenwürde betreffenden Bereichen über eine öffentlich bekannte Person ohne deren Mitwirkung publik.

Der Fall wäre auch dann schlimm, wenn er, wie Minkmar vermutet, neu wäre. Aber er selbst gibt ein Stichwort, dass es Vorbilder gibt:

Doch die öffentliche Diskursmaschine läuft nach solchen Informationen, gedopt mit all den Bildern und befeuert von der Privatmeinung, die jeder und jede sich über gecastete Girlbands gebildet hat, sofort auf allerhöchsten Touren. Schlichte Erschütterung oder Sorge kann da nicht mehr reichen, es muss mit voller Power gemutmaßt, gefordert und vor allem geforscht werden.

Erst jüngst wurde in Österreich, mit Unterstützung des Gesundheits- sowie des Verteidigungs- und Sportministeriums, eine Kampagne der Boulevardzeitung Kurier initiiert, die sich „Der gläserne Sportler“ nennt. Sportler berichten, selbstverständlich freiwillig und nur von den genannten Ministerien, der Nationalen Antidoping-Agentur  (Nada) und der österreichischen Öffentlichkeit dazu, sagen wir: motiviert, über alle Schritte, die sie unternehmen, und sie stellen sämtliche ärztlichen Daten, Blutwerte et cetera ins Netz.

Privatsphäre, informationelle Selbstbestimmung oder schlicht Schamgefühl finden nicht statt.

In der aktuellen Auseinandersetzung zwischen dem Weltfußballverband Fifa und der Welt Anti-Doping-Agentur (Wada) sagte der deutsche Nada-Vorsitzende, Armin Baumert gegenüber dem ZDF (ich zitiere nach Bild, da muss man ja vorsichtig sein):

Wenn dort Türchen geöffnet werden sollen durch Begriffe wie Privatsphäre, Urlaub oder Regeneration, dann müssen wir sagen, dann ist dieser Anti-Dopingkampf nicht mehr glaubwürdig.

Begriffe wie Privatsphäre oder Urlaub! Nils Minkmar schreibt im Falle der Girlband-Sängerin zu dem Umstand, dass die Öffentlichkeit von einer Staatsanwaltschaft über Infektion und Sexualverhalten einer jungen Frau informiert wurde:

Das Wissen, über das ich plötzlich und unerwartet verfügte, hätte ich aktiv nie erwerben können: Ein Journalist, der bei Ärzten anruft, um etwas über die Erkrankung einer bestimmten Patientin zu erfahren, ist ebenso seinen Job los, wie ein Arzt, der einen Journalisten anruft. Ausgesetzt wurde ich dieser informationellen Überdosis aber, wenn ich das richtig verstanden habe, zu meinem eigenen Schutz. Ui, ui, ui.

Auch hier gilt leider: Im Sport ist der Verlust dieser bürgerrechtlichen Selbstverständlichkeit schon eine Weile zu beklagen. Und dass er nun auch in weiteren Bereichen zu beklagen ist, dürfte damit zusammenhängen, dass er im Sport unter Beifall und Zugabe-Zugabe-Forderungen auch der linksliberalen Öffentlichkeit vollzogen wurde.

(Zu dem Thema findet sich in der nächsten Ausgabe der Jungle World, die am 23.4. erscheint, ein Text von Rolf-Günther Schulze und mir.)

VOR ZEHN JAHREN: championsleague im frauenfernsehen

Donnerstag, April 16th, 2009

Auch das geschah vor zehn Jahren: Der Fernsehsender TM3, der sich bis dahin explizit Frauen als Zielgruppe zugewandt hatte, bekam die Übertragungsrechte für die Fußball-Champions-League. Ein Text von mir dazu aus der Jungle World vom 12. Mai 1999.

Murdochs Herrenwitz

Der Frauenspartensender TM3 präsentiert die nächste Champions League

von martin krauss 

Die „Neue Zürcher Zeitung“ hält es für den „Anbruch eines neuen deutschen Fernsehzeitalters“. Doch hierzulande fällt Medienkritikern, die sich sonst viel auf ihre Fähigkeit zum kritischen Urteil einbilden, beim Verkauf der TV-Rechte der Champions League an den Münchner Sender TM3 nur Harald Schmidt und der gepflegte Herrenwitz ein. Und der Versprecher der TM3-Chefredakteurin Anna Doubek, im diesjährigen Champions League-Finale träfen „Manchester und Deutschland“ aufeinander, läßt so manchen Kommentator sabbern, als hätte Carmen Thomas gerade „Schalke 05“ gesagt – Frauen und Fußball eben.

Der Sender TM3, 1995 in Deutschland angelaufen, gehört seit November letzten Jahres zu 66 Prozent dem australischen Medienunternehmer Rupert Murdoch, 34 Prozent verblieben beim deutschen Filmhändler Herbert Kloiber. Außer dem von Ausstattung und Einschaltquote – im Schnitt 0,8 Prozent – her betrachtet sehr kleinen Sender TM3 gehört Murdoch auf dem deutschen Markt nur noch VOX, das zwar mal größere Ambitionen hatte, aber mittlerweile auch sehr klein ist.

TM3 war angetreten, um die Zielgruppe ökonomisch unabhängiger Frauen endlich fürs Fernsehen zu erschließen. Gesendet wurden Magazine, „die zumindest nicht schlechter waren als das Angebot der Konkurrenz, aber wie es oft ist: gut meint, auch gut gemacht, doch niemand guckt hin“, wie die „Süddeutsche“ die Situation beschrieb. Ein paar der Formate blieben übrig, ein paar Billig-Wiederholungen („Der Preis ist heiß“, „Ruck Zuck“, „Hopp oder Top“) wurden ins Programm genommen, und heute ist das Programm eine verwirrende Mischung aus ambitionierten Sendungen wie „Working Women“ etwa, eine Porträtreihe von Unternehmerinnen, die von der Schlagersängerin Kim Fisher präsentiert wird, wie“Anna Doubek – Das Magazin“, wo die Chefredakteurin ein langes Interview führt. auf der einen Seite und eher weniger ambitionierten Sendungen wie „Die Vorher-Nachher-Show“ mit Gundis Zambo, wo es um Typberatung geht, oder die Nachmittagssendung „Leben und Wohnen“ mit Haushalts-, Handwerks- und Kochtips, bei denen das ungeschlagene Highlight die Sendung „Der Reis ist heiß“ mit Harry Wijnvoort darstellt. Hier haben erfahrene Fernsehköche viel Arbeit, dem niederländischen Entertainer geduldig den Unterschied zwischen Schnittlauch und Petersilie zu erläutern – ganz so wie bei der verheirateten berufstätigen Frau daheim.

Das Konzept ging nicht so ganz auf, und ob es nach Meinung des neuen Mehrheitsbesitzers Rupert Murdoch je aufgehen sollte, ist auch nicht klar. Der nutzte TM3 und VOX lediglich, um einen Fuß in die Tür des relativ gut verschlossenen deutschen Fernsehmarkt zu bekommen. Beinah überall sonst auf der Welt ist Murdoch schon längst die bestimmende Medienfigur, und beinah überall auf der Welt hat sich Murdoch mit kleinen Sendern beginnend so vorgearbeitet, wie er es jetzt augenscheinlich in Deutschland plant. In den USA, notierte die „New York Times“ im April, „wurde er eine dominierende Kraft im Sportfernsehen. Nach drei Jahren Investieren hat er die ihm gehörende Fox-Gruppe zum Besitzer von 23 regionalen Sportanbietern gemacht.“ Nur vier gehören ihm noch nicht. Mit seiner Fox-Gruppe sicherte er sich zuerst die Erstrechte an der NFL, der großen Profiliga im American Football, für deren Präsentation er auch das Personal bei den in diesem Sektor bislang führenden Fernsehanstalten NBC, ABC und CBS abwarb. Seit einigen Jahren investiert er auch mit Erfolg in die großen Box-Events.

Zur Murdochs Unternehmen gehören insgesamt 789 Firmen in 52 Ländern. Fernsehanstalten hat er in den drei Kontinenten Amerika, Australien und Europa. Und mit seinen 200 Zeitungen ist er in vier Kontinenten vertreten, lediglich Afrika fehlt ihm noch.

In Großbritannien gehört ihm der Sender BSkyB, mit dem er im März diesen Jahres den börsennotierten Fußballclub Manchester United aufkaufen wollte, was aber vom britischen Handelsminister untersagt wurde. Die Champions League hat er in Großbritannien in den letzten Jahren mit großem Erfolg auf BSkyB vermarktet. Erst jüngst scheiterte Murdoch bei dem Versuch, BSkyB mit dem französischen Fußballrechteinhaber Canal Plus zu fusionieren, aber seine Unternehmenskette steht zu stabil da, als daß sie durch solche Niederlagen erschüttert werden könnte.

Ende 1998 beschloß der europäisiche Fußballverband Uefa, die Champions League noch verwertungsfreundlicher zu strukturieren.

Hintergrund war der Versuch etlicher europäischer Spitzenvereine, eine von Verbänden autonome Europaliga zu etablieren – ein Angriff auf den Verwertungsschlager Champions League. Die Uefa reagierte mit der Ausweitung der Champions League von 24 auf 32 Teilnehmern, von elf auf 17 Spieltagen, bzw. von 85 auf 157 Spiele.

Eine wirklich clevere Reaktion. Durch das große Teilnehmerfeld ist die Wahrscheinlichkeit, daß die zur autonomen Europaliga, die übrigens von Berlusconi und Murdoch finanziert werden sollte, entschlossenen Vereine ziemlich sicher jedes Jahr durch ihre Qualifikation in die Champions League integriert sind, sehr hoch. Weil aus den attraktiven Ligen – England, Italien, Spanien, Deutschland, Frankreich- viele Qualifikanten antreten, ist die Wahrscheinlichkeit, daß einschaltquotenruinierende Osteuropäer sehr weit kommen, eher gering. (Daß es doch mal passieren kann, hat Dynamo Kiew gezeigt, die erst im Halbfinale von Bayern München gestoppt wurden). Des weiteren dient der Umstand, daß aus den ökonomisch interessanten Ländern mehrere (bis zu vier) Teilnehmer an der Champions League kommen, auch der Durchsetzung von Pay-TV – das für das jeweilige Land attraktivste Spiel läuft im Free TV, die übrigen Spiele, die durchaus hohen sportlichen Wert besitzen, sind hingegen nur mit Abo und Decoder zu gucken.

Letztlich federt auch der Umstand, daß die Champions League immer mehr als richtige Liga ausgespielt wird, die Bemühungen der großen Clubs um einen eigenständigen Spielbetrieb ab und sorgt gleichzeitig für eine Entwertung der nationalen Ligen. Gespielt wird ab der nächsten Saison in acht Vorrunden-Gruppen, die aus je vier Mannschaften bestehen. Die beiden besten kommen in die Zwischenrunde, bestehend aus vier Gruppen mit je vier Teams. Ab dann beginnt das Viertel-, Halb- und Finalsystem. Auch die Vereine, die rausgeflogen sind, können noch weiter mitspielen und weiter Fernsehrechte kassieren: sie werden einfach in die dritte Runde des Uefa-Cups integriert.

Was bislang der Europapokal der Landesmeister war und sich heute Champions League nennt, hat also den Umfang der halben Bundesliga (34 Spieltage mit 306 Begegnungen), zählt man den entwerteten Europapokal der Pokalsieger, den UEFA-Cup und den aus dem früheren Intertoto-Cup hervorgegangen UI-Cup hinzu, sind europäische Wettbewerbe schon längst umfangreicher als jeder einzelne nationale Spielbetrieb.

Ob TM3 all die Spiele, für das es jetzt die Rechte besitzt, selbst zeigen wird, ist eher unwahrscheinlich. Der Sender wird sich das Spitzenspiel mit deutscher Beteiligung vorbehalten und die anderen Spiele mit Unterrechten weitergeben, so daß Dienstags und Mittwochs, den Spieltagen der Champions League, Premiere und Premiere-digital, DSF und Sat.1, DF-1 und VOX alle irgendein Fußballspiel der europäischen Spitzenklasse zeigen dürften.

Das beste Personal aber, das gebraucht wird, um diese Ereignisse angemessen zu präsentieren, wird sich bei TM3 versammeln. Einen Tag nach der überraschenden Meldung, daß TM3 die Champions League hatte, kam die Nachricht, daß Michael Pfad, bislang Sportchef von Premiere wohl bei TM3 anheuern wird. TM3-Geschäftsführer Jochen Kröhne erklärte stolz und, was den Zustand des Sportjournalismus angeht: vielsagend: „Wir werden uns die besten Leute kaufen – ich habe von fast allen ein Angebot bekommen.“

Von den kulturellen Effekten her betrachtet, ist der Rechtewechsel in der Champions League doch eher der Anbruch eines neuen deutschen Fernsehzeitalters denn der Versprecher einer Chefredakteurin.

aus: Jungle World, Nr. 20/99 vom 12.5.1999

VOR ZEHN JAHREN: bfc dynamo

Donnerstag, April 16th, 2009

Mal wieder die Rückschau auf das Jahr 1999: Anfang Mai benannte sich der frühere BFC Dynamo und nunmehr als FC Berlin auftretende Fußballklub wieder in BFC Dynamo um. Ein Text von mir dazu aus der Süddeutschen Zeitung vom 6. Mai 1999.

Fallrückzieher in die Vergangenheit

FC Mielke am Ball: Der früher erfolgreichste, aber ungeliebte DDR-Fußballclub BFC Dynamo heißt wieder wie früher

von martin krauss  

Der Termin war gut gewählt: zwei Tage nach dem einst revolutionären Arbeiterkampftag Erster Mai, zwei Tage vor Karl Marx‘ 181. Geburtstag. Genau in die kalendarische Mitte legte das Vereinsmitglied Stephan Knobloch-Groth, 33, seinen Antrag auf Rückbenennung. Über hundert Fans hatten seinen Antrag durch Eintrag auf eine Unterschriftenliste unterstützt, der Präsident Volkmar Wanski, ein aus dem Osten der Stadt stammender Bauunternehmer, plädierte auch für die Rückbenennung, und selbst die wenigen Sponsoren, die der Club seit 1990 sammeln konnte, signalisierten Zustimmung.

Also wurde der Antrag auf Rückbenennung in Berliner Fußballclub Dynamo mit den Vereinsfarben weinrot-weiß mit 125 Ja-, drei Nein-Stimmen und sieben Enthaltungen angenommen. Kurzer eruptiver Jubel brach aus, der vom Versammlungsleiter sofort erfolgreich untersagt wurde. Der stolze Präsident konnte noch verkünden, daß mit dem Sportartikelhersteller Lotto ein neuer Ausrüster gefunden wurde, der ab der nächsten Saison „exklusiv weinrote Trikots liefert“ – dann wurde gefeiert.

Damals, bei der ersten Umbenennung, hatte der Verein gleich zwei Hoffnungen gehabt: Erstens wollte der Verein weiterhin ein europäischer Spitzenclub bleiben, zweitens wollte er mit unbelasteterem Namen für Sponsoren interessant werden. Beides gelang nicht.

Zu DDR-Wendezeiten verkaufte der Club seine Spitzenspieler Rainer Ernst, Andreas Thom und Thomas Doll für insgesamt zwölf Millionen West-Mark. Doch nicht in neue Spieler oder Nachwuchsförderung wurde das Geld investiert, sondern in wenig nachvollziehbare Geschäfte: An- und Verkauf von Motorollern, Videogeräten, Waschmaschinen.

Der FC Berlin konnte sich nicht für die Zweite Bundesliga qualifizieren, und kickte fortan seit Ende der DDR-Oberliga in der Regionalliga, wo er auch heute noch ist. Sein Ziel ist die Teilnahme an der eingleisigen Dritten Liga im Nächsten Jahr.

Regional blieben auch die Sponsoren. Sie heißen heute „Howoge“-Wohnungsbaugesellschaft Hohenschönhausen, „Regio Bodenschutz“, „Densus“-Gesellschaft für Holzkonstruktions- und Schornsteinsanierung oder „Prevac“-Präzisionsmechanik und Vakuum GmbH.

Die großzügige staatliche Förderung ersetzen solche Firmen nicht. Was dem Club aber blieb, sind diejenigen, die er zu DDR-Zeiten zu wenig hatte: Fans. Fast 1.000 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Heimspielen, die im Sportforum Hohenschönhausen ausgetragen werden. Früher, im Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion, waren es auch nicht viel mehr. Der Durchschnitt in den achtziger Jahren schwankte zwischen 8 und 9.000, mit Tendenz nach unten. Als der BFC 1979 erstmals Meister wurde, waren 25.000 Fans zum Feiern da, 1988 beim letzten Titel kamen nur 6.000. So richtig rappelvoll war es immer nur bei Europapokalspielen oder im Gästeblock. Von den BFC-Fans waren nur wenige ganz treu. Für einen der ganz treuen, eigentlich für sein Auto, war vor der Tribüne extra eine Rampe gebaut worden: Für Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit.

Das Stasi-Thema spielt auf der Mitgliederversammlung am Montagabend kaum eine Rolle. Stephan Knobloch-Groth, der Antragsteller, verkündet nur: „Ick hab da keine Berührungsängste“, und ein anderer Redner auf der Versammlung bemüht sich um historische Korrektheit. „Erich Mielke war nie Präsident des BFC Dynamo, wie das der ‚Spiegel‘ geschrieben hat. Volkmar Wanski ist also auch nicht der dritte Präsident nach Erich Mielke.“ Erich Mielke war nur Vorsitzender des Dachverbandes, der Sportvereinigung Dynamo, und er war großer Förderer des BFC. Der Redner mit historischen Kenntnisse heißt Herbert Schoen, war 12facher DDR-Nationalspieler, und hat auch aufmunterndes parat: „An die Medienvertreter!“, wird der alte Mann pathetisch, „habt keine Angst, auch Positives über den BFC Dynamo zu DDR-Zeiten zu berichten.“

Zum Beispiel über das Ehrenmitglied Jürgen Bogs, das auch zur Umbenennungsversammlung erschien. Mit ihm als Trainer wurde der BFC zehn Mal DDR-Meister. Rechnerisch macht ihn das zum erfolgreichsten deutschen Fußballtrainer, geholfen hat ihm das nicht. Nach der Wende betreute er nur niedrigklassige Teams, wie die TSG Neustrelitz oder den Westclub Kickers Emden. Zur Zeit ist Bogs arbeitslos.

Der BFC Dynamo sucht zur Zeit einen Trainer, und Bogs hat sich, so ist am Rande der Mitgliederversammlung zu erfahren, auch beworben. Daß er den Job bekommt, ist eher unwahrscheinlich, denn Präsident Wanski will den Eindruck vermeiden, es gebe eine Rückkehr zu alten Zeiten.

Auf ähnliche Zurückhaltung stößt der Wunsch vieler Fans, demnächst wieder im Jahn-Sportpark zu spielen, wo gegenwärtig die American Footballer von Berlin Thunder ihre Heimspiele austragen. Bogs wäre das alles nicht unsympathisch. „Jeder Fan fühlt sich irgendwo zu Hause. Heute kriegt jeder ein Stück Identität zurück,“ sagt er zu dem neuen, alten Namen. Er selbst hat auch für die Umbenennung gestimmt, und am Ende der Versammlung hat er sich auch zu den treuen Fans in die hinteren Reihen gesetzt.

„Det war früher ne Ehre gewesen, für den BFC zu spielen, und det wird es wieder sein“, meldet sich ein junger Mann zu Wort.

Geschichtskenntnisse sollen vermittelt werden, und das sind nach dem Willen des harten Kerns der Fans – nicht wenige gehören der berüchtigten Berliner Hooliganszene an – nicht solche, die an die Stasi-Vergangenheit erinnern.

Bei seinen zehn in Folge errungenen Meistertiteln stand der BFC Dynamo in dauerndem Manipulationsverdacht. Namentlich Oberfan Erich Mielke soll die Schiedsrichter dazu angehalten haben, für den BFC zu pfeifen. 1985 hatte es sogar eine geheime Analyse des Generalsekretärs des DDR-Fußballverbandes, Karl Zimmermann, gegeben, über die die „Süddeutsche Zeitung“ 1996 berichtete. Nach ihr verdankte der BFC Dynamo mindestens acht Punkte der Saison 1984/85 dem „gezielten Einfluß anderer Instanzen“.

Als der BFC 1988 in Leipzig antrat, hing dort ein Plakat „Wir grüßen den DDR-Meister und seine Schiedsrichter“, und wenn die Mannschaft aufs Spielfeld lief, egal ob im heimischen Jahn-Sportpark oder bei einem Auswärtsspiel, mußte sie sich „Schiebermeister BFC“, „Bullen-Elf“ oder einfach „Nieder mit dem BFC!“ anhören.

So etwas befürchtet Präsident Wanski nicht mehr. Er setzt mehr auf Ostalgie, und vor allem hat er eingesehen, daß es nur die Fans sind, die seinen Verein tragen, nicht die wenige Sponsoren. „Ich bin gefragt worden“, sagte er, „ob wir uns wegen dieser paar hundert Wilden, die immer ins Stadion kommen, umbenennen. Da habe ich ja gesagt.“

 

aus: Süddeutsche Zeitung, 6.5.1999

demjanjuk

Mittwoch, April 8th, 2009

Mit Serge Klarsfeld, dem französischen Anwalt und Historiker, sprach ich für die Jüdische Allgemeine über die (hoffentlich) bevorstehende Auslieferung des mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechers John/Ivan Demjanjuk: „Demjanjuk erwartet ein faires Verfahren“.

VOR ZEHN JAHREN: makkabiade-unglück

Donnerstag, April 2nd, 2009

„Vor zehn Jahren“ ist im konkreten Fall „vor zwölf Jahren“: Im Juli 1997 brach zeitlich vor der Eröffnung der Makkabiade und räumlich vor dem israelischen Nationalstadion in Ramat Gan eine Brücke zusammen, auf der gerade australische Sportler auf ihren Einmarsch zur Eröffnungsfeier warteten. Vier Sportler kamen dabei ums Leben. Der Kampf der Hinterbliebenen und Überlebenden dauerte lange, mittlerweile kam es zu einer Einigung. Am 29. April 1999 (also doch „vor zehn Jahren“!) erschien ein Text von mir, der über das Unglück und die Auseinandersetzungen der australischen Makkabi-Sportler mit den israelischen Organisatoren berichtete.

Keiner will Schuld gewesen sein

Wie die australischen Opfer der Makkabiade um ihr Recht kämpfen müssen.

Von martin krauss 

„Ich bin angeekelt. Wir haben fest mit dem Geld rechnet, die Makkabi World Union hört uns nicht zu und zieht eine ganz arrogante Masche ab“, erklärte Ende dieses Jahres Lynn Zines gegenüber den „Australian Jewish News“.

Frau Zines verlor am 14. Juli 1997 in Israel ihren Mann. Warren Zines wollte als Mitglied der australischen Makkabiade-Mannschaft an der Eröffnungsfeier im Nationalstadion von Ramat Gan teilnehmen. Eine extra für dieses Ereignis errichtete Brücke stürzte ein, etwa 100 australische Sportler fielen sieben Meter tief in den Fluß Jarkon. 64 Sportler wurden dabei verletzt, und zwei Mitglieder des Bowling-Teams – Yetty Bennett, 50, und Greg Small, 37 – starben sofort. In den Tagen danach starb noch die Bridge-Spielerin Elisabeth Sawicki, 46, und Anfang Oktober verschied auch der Sportbowler Warren Zines. Von den vier Toten starb nur Frau Bennett an den unmittelbaren Folgen des Brückeneinsturzes, die anderen drei erlagen den Vergiftungen, die sie sich in dem völlig verschmutzten Jarkon zugezogen hatten.

Seit diesem Unglück sind die Beziehungen zwischen den australischen jüdischen Gemeinden auf der einen Seite und den israelischen Behörden sowie der Maccabi World Union auf der anderen Seite angespannt.

Lynn Zines und andere Opfer bzw. Angehörige haben seit zwei Jahren durch Klagen und andere Aktionen versucht, Schadensersatzansprüche geltend zu machen.

Unmittelbar nach dem Unglück war von der israelischen Regierung ein Fond in Höhe von 500.000 Dollar in Aussicht gestellt worden. Die Australier sahen das als erste unbürokratische „Interim-Zahlung“ an. Doch das Geld traf nicht ein, nach über einem halben Jahr noch gar nichts, und mittlerweile, beinah zwei Jahre nach dem Ereignis, sind es nur 125.000 Dollar, die für Therapie- und Rechtschutzkosten schon längst aufgebraucht sind.

Dank des zähen Kampfes ihres Vaters Colin Elterman gehört Sacha Elterman mittlerweile zu den bekanntesten Opfern. Die damals 15jährige Tennisspielerin hatte auch bei dem Sturz Flußwasser geschluckt, und in der Folge erkrankte sie an dem seltenen Erreger Pseudallerscheria Boydii. Zunächst galt die Krankheit als kaum heilbar, mittlerweile ist sie nach einjährigem Krankenhausaufenthalt und 22 Operationen wieder zu Hause

Ihren Vater beruhigt das nicht. Er will immer noch, daß die israelischen Behörden zum einen sich auch finanziell zu ihrer Verantwortung bekennen und daß sie zum anderen die Hintergründe des Unglücks endlich aufklären. Und er will Geld für seine Tochter, denn für ihre Behandlung seien bereits drei Millionen Dollar ausgegeben worden. Colin Elterman legte bereits Klage gegen 19 verschiedene Parteien ein, unter anderem das Organisationskomitee, die Baufirma und den Ingenieur, die die Brücke bauten, die Flußbehörde, die schon seit Jahren wußte, wie verdreckt der Fluß ist, gegen die Stadt Ramat Gan und auch gegen die israelische Regierung.

Auf israelischer Seite ist seit Herbst 1997 die Staatsanwältin Edna Arbel für den Fall zuständig, die immer wieder durch couragierte Aktionen auf sich aufmerksam macht. Doch zum Unwillen der Australier ermittelte sie nur gegen den Vorsitzenden des Organisationskomitees, den Ingenieur und die Baufirma, gegen die ein Verfahren wegen Fahrlässigkeit läuft.

Nicht ermittelt hat Arbel gegen die Funktionäre der Makkabi World Union, die aus Sicht der Australier erhebliche Schuld tragen wie auch die israelischen Behörden.

Immer wieder versuchten die australischen Opfer und ihre Angehörigen, mit spektakulären Aktionen auf ihre Ansprüche aufmerksam zu machen. Im Dezember 1998 veröffentlichen sie in diversen jüdischen Zeitungen der englischsprachigen Welt einen Offenen Brief, in dem es u.a. heißt, man plane die australische Teilnahme an der Maccabiade 2001 zu verhindern. „Wir werden aktiv gegen die israelische Regierung, gegen die Jewish Agency und verbündete Sponsoren dieser Spiele werben, ebenso wird jeder Teilnehmer, Veranstalter oder Sponsor aus Australien oder aus einem anderen Land eingetragen werden in die Maccabiah Hall of Shame. Australien stand bisher allein, wenn es darum ging, den Skandal der schäbigen Behandlung der Opfer und des australischen Judentums durch Israel bekannt zu machen. Es ist nun für die anderen Länder in der Diaspora an der Zeit, aufzustehen und den Kampf für Gerechtigkeit und Verantwortung in Israel aufzunehmen. Du könntest der nächste sein …“

Der Offene Brief, im wesentlichen von Colin Elterman formuliert, sorgte für den gewünschten Aufruhr. Als eine Reaktion erklärte der Vorsitzende der Untersuchungskommission der Knesset, Micha Goldman, er unterstützte die Forderung der Opfer, vor allem die nach Rücktritt der Verbandsverantwortlichen.

Geschehen ist aber seither nichts in diese Richtung. Der neueste Stand ist, daß der Weltverband Ende März den Opfern und ihren Angehörigen ein Darlehen vorgeschlagen hat, das sie dann erhalten, wenn sie auf alle übrigen Ansprüche gegen die Maccabi World Union verzichten.

Das brachte die Australier noch mehr in Rage. „Die glauben wahrscheinlich, wie wären hier eine Ansammlung von Idioten“ ereiferte sich Colin Elterman, und Lynn Zines, die Witwe von Warren Zines, sagte: „Da finde ich lieber irgendwo anders Geld, als so etwas zu unterschreiben“. Bei Makkabi Australien hieß es, die Papiere seien als unbefriedigend zum Weltverband nach Israel zurückgeschickt worden.

Dort wiederum sagte ein Sprecher Anfang April dieses Jahres gegenüber der „Jerusalem Post“ entschuldigend, der Verband hätte seine Anwälte angewiesen, „eine Formulierung zu finden, die die Opfer nicht beleidigt und nicht ihre Rechte beeinträchtigt.“ Der Präsident der Makkabi World Union, Ronald Bakalarz, ließ verlauten, es handele sich um einen bedauerlichen Übersetzungsfehler.

Diese Äußerung wiederum ist für Colin Elterman schlicht „Schund“.

 aus: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, Nr. 9/99, 29.4.1999