VOR ZEHN JAHREN: makkabiade-unglück

„Vor zehn Jahren“ ist im konkreten Fall „vor zwölf Jahren“: Im Juli 1997 brach zeitlich vor der Eröffnung der Makkabiade und räumlich vor dem israelischen Nationalstadion in Ramat Gan eine Brücke zusammen, auf der gerade australische Sportler auf ihren Einmarsch zur Eröffnungsfeier warteten. Vier Sportler kamen dabei ums Leben. Der Kampf der Hinterbliebenen und Überlebenden dauerte lange, mittlerweile kam es zu einer Einigung. Am 29. April 1999 (also doch „vor zehn Jahren“!) erschien ein Text von mir, der über das Unglück und die Auseinandersetzungen der australischen Makkabi-Sportler mit den israelischen Organisatoren berichtete.

Keiner will Schuld gewesen sein

Wie die australischen Opfer der Makkabiade um ihr Recht kämpfen müssen.

Von martin krauss 

„Ich bin angeekelt. Wir haben fest mit dem Geld rechnet, die Makkabi World Union hört uns nicht zu und zieht eine ganz arrogante Masche ab“, erklärte Ende dieses Jahres Lynn Zines gegenüber den „Australian Jewish News“.

Frau Zines verlor am 14. Juli 1997 in Israel ihren Mann. Warren Zines wollte als Mitglied der australischen Makkabiade-Mannschaft an der Eröffnungsfeier im Nationalstadion von Ramat Gan teilnehmen. Eine extra für dieses Ereignis errichtete Brücke stürzte ein, etwa 100 australische Sportler fielen sieben Meter tief in den Fluß Jarkon. 64 Sportler wurden dabei verletzt, und zwei Mitglieder des Bowling-Teams – Yetty Bennett, 50, und Greg Small, 37 – starben sofort. In den Tagen danach starb noch die Bridge-Spielerin Elisabeth Sawicki, 46, und Anfang Oktober verschied auch der Sportbowler Warren Zines. Von den vier Toten starb nur Frau Bennett an den unmittelbaren Folgen des Brückeneinsturzes, die anderen drei erlagen den Vergiftungen, die sie sich in dem völlig verschmutzten Jarkon zugezogen hatten.

Seit diesem Unglück sind die Beziehungen zwischen den australischen jüdischen Gemeinden auf der einen Seite und den israelischen Behörden sowie der Maccabi World Union auf der anderen Seite angespannt.

Lynn Zines und andere Opfer bzw. Angehörige haben seit zwei Jahren durch Klagen und andere Aktionen versucht, Schadensersatzansprüche geltend zu machen.

Unmittelbar nach dem Unglück war von der israelischen Regierung ein Fond in Höhe von 500.000 Dollar in Aussicht gestellt worden. Die Australier sahen das als erste unbürokratische „Interim-Zahlung“ an. Doch das Geld traf nicht ein, nach über einem halben Jahr noch gar nichts, und mittlerweile, beinah zwei Jahre nach dem Ereignis, sind es nur 125.000 Dollar, die für Therapie- und Rechtschutzkosten schon längst aufgebraucht sind.

Dank des zähen Kampfes ihres Vaters Colin Elterman gehört Sacha Elterman mittlerweile zu den bekanntesten Opfern. Die damals 15jährige Tennisspielerin hatte auch bei dem Sturz Flußwasser geschluckt, und in der Folge erkrankte sie an dem seltenen Erreger Pseudallerscheria Boydii. Zunächst galt die Krankheit als kaum heilbar, mittlerweile ist sie nach einjährigem Krankenhausaufenthalt und 22 Operationen wieder zu Hause

Ihren Vater beruhigt das nicht. Er will immer noch, daß die israelischen Behörden zum einen sich auch finanziell zu ihrer Verantwortung bekennen und daß sie zum anderen die Hintergründe des Unglücks endlich aufklären. Und er will Geld für seine Tochter, denn für ihre Behandlung seien bereits drei Millionen Dollar ausgegeben worden. Colin Elterman legte bereits Klage gegen 19 verschiedene Parteien ein, unter anderem das Organisationskomitee, die Baufirma und den Ingenieur, die die Brücke bauten, die Flußbehörde, die schon seit Jahren wußte, wie verdreckt der Fluß ist, gegen die Stadt Ramat Gan und auch gegen die israelische Regierung.

Auf israelischer Seite ist seit Herbst 1997 die Staatsanwältin Edna Arbel für den Fall zuständig, die immer wieder durch couragierte Aktionen auf sich aufmerksam macht. Doch zum Unwillen der Australier ermittelte sie nur gegen den Vorsitzenden des Organisationskomitees, den Ingenieur und die Baufirma, gegen die ein Verfahren wegen Fahrlässigkeit läuft.

Nicht ermittelt hat Arbel gegen die Funktionäre der Makkabi World Union, die aus Sicht der Australier erhebliche Schuld tragen wie auch die israelischen Behörden.

Immer wieder versuchten die australischen Opfer und ihre Angehörigen, mit spektakulären Aktionen auf ihre Ansprüche aufmerksam zu machen. Im Dezember 1998 veröffentlichen sie in diversen jüdischen Zeitungen der englischsprachigen Welt einen Offenen Brief, in dem es u.a. heißt, man plane die australische Teilnahme an der Maccabiade 2001 zu verhindern. „Wir werden aktiv gegen die israelische Regierung, gegen die Jewish Agency und verbündete Sponsoren dieser Spiele werben, ebenso wird jeder Teilnehmer, Veranstalter oder Sponsor aus Australien oder aus einem anderen Land eingetragen werden in die Maccabiah Hall of Shame. Australien stand bisher allein, wenn es darum ging, den Skandal der schäbigen Behandlung der Opfer und des australischen Judentums durch Israel bekannt zu machen. Es ist nun für die anderen Länder in der Diaspora an der Zeit, aufzustehen und den Kampf für Gerechtigkeit und Verantwortung in Israel aufzunehmen. Du könntest der nächste sein …“

Der Offene Brief, im wesentlichen von Colin Elterman formuliert, sorgte für den gewünschten Aufruhr. Als eine Reaktion erklärte der Vorsitzende der Untersuchungskommission der Knesset, Micha Goldman, er unterstützte die Forderung der Opfer, vor allem die nach Rücktritt der Verbandsverantwortlichen.

Geschehen ist aber seither nichts in diese Richtung. Der neueste Stand ist, daß der Weltverband Ende März den Opfern und ihren Angehörigen ein Darlehen vorgeschlagen hat, das sie dann erhalten, wenn sie auf alle übrigen Ansprüche gegen die Maccabi World Union verzichten.

Das brachte die Australier noch mehr in Rage. „Die glauben wahrscheinlich, wie wären hier eine Ansammlung von Idioten“ ereiferte sich Colin Elterman, und Lynn Zines, die Witwe von Warren Zines, sagte: „Da finde ich lieber irgendwo anders Geld, als so etwas zu unterschreiben“. Bei Makkabi Australien hieß es, die Papiere seien als unbefriedigend zum Weltverband nach Israel zurückgeschickt worden.

Dort wiederum sagte ein Sprecher Anfang April dieses Jahres gegenüber der „Jerusalem Post“ entschuldigend, der Verband hätte seine Anwälte angewiesen, „eine Formulierung zu finden, die die Opfer nicht beleidigt und nicht ihre Rechte beeinträchtigt.“ Der Präsident der Makkabi World Union, Ronald Bakalarz, ließ verlauten, es handele sich um einen bedauerlichen Übersetzungsfehler.

Diese Äußerung wiederum ist für Colin Elterman schlicht „Schund“.

 aus: Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, Nr. 9/99, 29.4.1999

One Response to “VOR ZEHN JAHREN: makkabiade-unglück”

  1. acai slim sagt:

    acai slim…

    […] entdeckt. Sebastian Ratjen (FDP) empörte sich in den Medien ebenso wie die Grünen, die bereits gestern im Internet berichteten und heute mehrfach[…]…