VOR ZEHN JAHREN: bfc dynamo

Mal wieder die Rückschau auf das Jahr 1999: Anfang Mai benannte sich der frühere BFC Dynamo und nunmehr als FC Berlin auftretende Fußballklub wieder in BFC Dynamo um. Ein Text von mir dazu aus der Süddeutschen Zeitung vom 6. Mai 1999.

Fallrückzieher in die Vergangenheit

FC Mielke am Ball: Der früher erfolgreichste, aber ungeliebte DDR-Fußballclub BFC Dynamo heißt wieder wie früher

von martin krauss  

Der Termin war gut gewählt: zwei Tage nach dem einst revolutionären Arbeiterkampftag Erster Mai, zwei Tage vor Karl Marx‘ 181. Geburtstag. Genau in die kalendarische Mitte legte das Vereinsmitglied Stephan Knobloch-Groth, 33, seinen Antrag auf Rückbenennung. Über hundert Fans hatten seinen Antrag durch Eintrag auf eine Unterschriftenliste unterstützt, der Präsident Volkmar Wanski, ein aus dem Osten der Stadt stammender Bauunternehmer, plädierte auch für die Rückbenennung, und selbst die wenigen Sponsoren, die der Club seit 1990 sammeln konnte, signalisierten Zustimmung.

Also wurde der Antrag auf Rückbenennung in Berliner Fußballclub Dynamo mit den Vereinsfarben weinrot-weiß mit 125 Ja-, drei Nein-Stimmen und sieben Enthaltungen angenommen. Kurzer eruptiver Jubel brach aus, der vom Versammlungsleiter sofort erfolgreich untersagt wurde. Der stolze Präsident konnte noch verkünden, daß mit dem Sportartikelhersteller Lotto ein neuer Ausrüster gefunden wurde, der ab der nächsten Saison „exklusiv weinrote Trikots liefert“ – dann wurde gefeiert.

Damals, bei der ersten Umbenennung, hatte der Verein gleich zwei Hoffnungen gehabt: Erstens wollte der Verein weiterhin ein europäischer Spitzenclub bleiben, zweitens wollte er mit unbelasteterem Namen für Sponsoren interessant werden. Beides gelang nicht.

Zu DDR-Wendezeiten verkaufte der Club seine Spitzenspieler Rainer Ernst, Andreas Thom und Thomas Doll für insgesamt zwölf Millionen West-Mark. Doch nicht in neue Spieler oder Nachwuchsförderung wurde das Geld investiert, sondern in wenig nachvollziehbare Geschäfte: An- und Verkauf von Motorollern, Videogeräten, Waschmaschinen.

Der FC Berlin konnte sich nicht für die Zweite Bundesliga qualifizieren, und kickte fortan seit Ende der DDR-Oberliga in der Regionalliga, wo er auch heute noch ist. Sein Ziel ist die Teilnahme an der eingleisigen Dritten Liga im Nächsten Jahr.

Regional blieben auch die Sponsoren. Sie heißen heute „Howoge“-Wohnungsbaugesellschaft Hohenschönhausen, „Regio Bodenschutz“, „Densus“-Gesellschaft für Holzkonstruktions- und Schornsteinsanierung oder „Prevac“-Präzisionsmechanik und Vakuum GmbH.

Die großzügige staatliche Förderung ersetzen solche Firmen nicht. Was dem Club aber blieb, sind diejenigen, die er zu DDR-Zeiten zu wenig hatte: Fans. Fast 1.000 Zuschauer kommen im Schnitt zu den Heimspielen, die im Sportforum Hohenschönhausen ausgetragen werden. Früher, im Friedrich-Ludwig-Jahn-Stadion, waren es auch nicht viel mehr. Der Durchschnitt in den achtziger Jahren schwankte zwischen 8 und 9.000, mit Tendenz nach unten. Als der BFC 1979 erstmals Meister wurde, waren 25.000 Fans zum Feiern da, 1988 beim letzten Titel kamen nur 6.000. So richtig rappelvoll war es immer nur bei Europapokalspielen oder im Gästeblock. Von den BFC-Fans waren nur wenige ganz treu. Für einen der ganz treuen, eigentlich für sein Auto, war vor der Tribüne extra eine Rampe gebaut worden: Für Erich Mielke, Minister für Staatssicherheit.

Das Stasi-Thema spielt auf der Mitgliederversammlung am Montagabend kaum eine Rolle. Stephan Knobloch-Groth, der Antragsteller, verkündet nur: „Ick hab da keine Berührungsängste“, und ein anderer Redner auf der Versammlung bemüht sich um historische Korrektheit. „Erich Mielke war nie Präsident des BFC Dynamo, wie das der ‚Spiegel‘ geschrieben hat. Volkmar Wanski ist also auch nicht der dritte Präsident nach Erich Mielke.“ Erich Mielke war nur Vorsitzender des Dachverbandes, der Sportvereinigung Dynamo, und er war großer Förderer des BFC. Der Redner mit historischen Kenntnisse heißt Herbert Schoen, war 12facher DDR-Nationalspieler, und hat auch aufmunterndes parat: „An die Medienvertreter!“, wird der alte Mann pathetisch, „habt keine Angst, auch Positives über den BFC Dynamo zu DDR-Zeiten zu berichten.“

Zum Beispiel über das Ehrenmitglied Jürgen Bogs, das auch zur Umbenennungsversammlung erschien. Mit ihm als Trainer wurde der BFC zehn Mal DDR-Meister. Rechnerisch macht ihn das zum erfolgreichsten deutschen Fußballtrainer, geholfen hat ihm das nicht. Nach der Wende betreute er nur niedrigklassige Teams, wie die TSG Neustrelitz oder den Westclub Kickers Emden. Zur Zeit ist Bogs arbeitslos.

Der BFC Dynamo sucht zur Zeit einen Trainer, und Bogs hat sich, so ist am Rande der Mitgliederversammlung zu erfahren, auch beworben. Daß er den Job bekommt, ist eher unwahrscheinlich, denn Präsident Wanski will den Eindruck vermeiden, es gebe eine Rückkehr zu alten Zeiten.

Auf ähnliche Zurückhaltung stößt der Wunsch vieler Fans, demnächst wieder im Jahn-Sportpark zu spielen, wo gegenwärtig die American Footballer von Berlin Thunder ihre Heimspiele austragen. Bogs wäre das alles nicht unsympathisch. „Jeder Fan fühlt sich irgendwo zu Hause. Heute kriegt jeder ein Stück Identität zurück,“ sagt er zu dem neuen, alten Namen. Er selbst hat auch für die Umbenennung gestimmt, und am Ende der Versammlung hat er sich auch zu den treuen Fans in die hinteren Reihen gesetzt.

„Det war früher ne Ehre gewesen, für den BFC zu spielen, und det wird es wieder sein“, meldet sich ein junger Mann zu Wort.

Geschichtskenntnisse sollen vermittelt werden, und das sind nach dem Willen des harten Kerns der Fans – nicht wenige gehören der berüchtigten Berliner Hooliganszene an – nicht solche, die an die Stasi-Vergangenheit erinnern.

Bei seinen zehn in Folge errungenen Meistertiteln stand der BFC Dynamo in dauerndem Manipulationsverdacht. Namentlich Oberfan Erich Mielke soll die Schiedsrichter dazu angehalten haben, für den BFC zu pfeifen. 1985 hatte es sogar eine geheime Analyse des Generalsekretärs des DDR-Fußballverbandes, Karl Zimmermann, gegeben, über die die „Süddeutsche Zeitung“ 1996 berichtete. Nach ihr verdankte der BFC Dynamo mindestens acht Punkte der Saison 1984/85 dem „gezielten Einfluß anderer Instanzen“.

Als der BFC 1988 in Leipzig antrat, hing dort ein Plakat „Wir grüßen den DDR-Meister und seine Schiedsrichter“, und wenn die Mannschaft aufs Spielfeld lief, egal ob im heimischen Jahn-Sportpark oder bei einem Auswärtsspiel, mußte sie sich „Schiebermeister BFC“, „Bullen-Elf“ oder einfach „Nieder mit dem BFC!“ anhören.

So etwas befürchtet Präsident Wanski nicht mehr. Er setzt mehr auf Ostalgie, und vor allem hat er eingesehen, daß es nur die Fans sind, die seinen Verein tragen, nicht die wenige Sponsoren. „Ich bin gefragt worden“, sagte er, „ob wir uns wegen dieser paar hundert Wilden, die immer ins Stadion kommen, umbenennen. Da habe ich ja gesagt.“

 

aus: Süddeutsche Zeitung, 6.5.1999

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