hiv, doping und pressefreiheit

In der heutigen FAS findet sich von Nils Minkmar ein kluger Text über den Fall einer 26-jährigen Sängerin, die mit HIV infiziert ist und, weil die Staatsanwaltschaft ihr vorwirft, beim ungeschützten Geschlechtsverkehr einen Mann infiziert zu haben, in Untersuchungshaft sitzt: Der Staatsanwalt in meinem Bett. Er beginnt so:

Am Dienstagnachmittag wurde ich von seriösen Medien unter Berufung auf eine deutsche Behörde über die schwere Erkrankung und das Sexualverhalten einer lebenden, mir persönlich nicht bekannten Frau unterrichtet, und zwar gegen deren Willen.Das ist neu: Nie zuvor wurden in so kurzer Zeit derart intime Informationen aus mehreren, die Menschenwürde betreffenden Bereichen über eine öffentlich bekannte Person ohne deren Mitwirkung publik.

Der Fall wäre auch dann schlimm, wenn er, wie Minkmar vermutet, neu wäre. Aber er selbst gibt ein Stichwort, dass es Vorbilder gibt:

Doch die öffentliche Diskursmaschine läuft nach solchen Informationen, gedopt mit all den Bildern und befeuert von der Privatmeinung, die jeder und jede sich über gecastete Girlbands gebildet hat, sofort auf allerhöchsten Touren. Schlichte Erschütterung oder Sorge kann da nicht mehr reichen, es muss mit voller Power gemutmaßt, gefordert und vor allem geforscht werden.

Erst jüngst wurde in Österreich, mit Unterstützung des Gesundheits- sowie des Verteidigungs- und Sportministeriums, eine Kampagne der Boulevardzeitung Kurier initiiert, die sich „Der gläserne Sportler“ nennt. Sportler berichten, selbstverständlich freiwillig und nur von den genannten Ministerien, der Nationalen Antidoping-Agentur  (Nada) und der österreichischen Öffentlichkeit dazu, sagen wir: motiviert, über alle Schritte, die sie unternehmen, und sie stellen sämtliche ärztlichen Daten, Blutwerte et cetera ins Netz.

Privatsphäre, informationelle Selbstbestimmung oder schlicht Schamgefühl finden nicht statt.

In der aktuellen Auseinandersetzung zwischen dem Weltfußballverband Fifa und der Welt Anti-Doping-Agentur (Wada) sagte der deutsche Nada-Vorsitzende, Armin Baumert gegenüber dem ZDF (ich zitiere nach Bild, da muss man ja vorsichtig sein):

Wenn dort Türchen geöffnet werden sollen durch Begriffe wie Privatsphäre, Urlaub oder Regeneration, dann müssen wir sagen, dann ist dieser Anti-Dopingkampf nicht mehr glaubwürdig.

Begriffe wie Privatsphäre oder Urlaub! Nils Minkmar schreibt im Falle der Girlband-Sängerin zu dem Umstand, dass die Öffentlichkeit von einer Staatsanwaltschaft über Infektion und Sexualverhalten einer jungen Frau informiert wurde:

Das Wissen, über das ich plötzlich und unerwartet verfügte, hätte ich aktiv nie erwerben können: Ein Journalist, der bei Ärzten anruft, um etwas über die Erkrankung einer bestimmten Patientin zu erfahren, ist ebenso seinen Job los, wie ein Arzt, der einen Journalisten anruft. Ausgesetzt wurde ich dieser informationellen Überdosis aber, wenn ich das richtig verstanden habe, zu meinem eigenen Schutz. Ui, ui, ui.

Auch hier gilt leider: Im Sport ist der Verlust dieser bürgerrechtlichen Selbstverständlichkeit schon eine Weile zu beklagen. Und dass er nun auch in weiteren Bereichen zu beklagen ist, dürfte damit zusammenhängen, dass er im Sport unter Beifall und Zugabe-Zugabe-Forderungen auch der linksliberalen Öffentlichkeit vollzogen wurde.

(Zu dem Thema findet sich in der nächsten Ausgabe der Jungle World, die am 23.4. erscheint, ein Text von Rolf-Günther Schulze und mir.)

One Response to “hiv, doping und pressefreiheit”

  1. ondamaris sagt:

    den text von herrn minkmar empfand auch ich als eine wohltuend bedachte stimme im ansonsten überwiegend recht aufgeregten, manchmal sich beinahe hetzerisch überschlagenden medienzirkus zum thema b.

    besonders wichtig schien mir sein hinweis, dass hier sehr tief in die persönlichkeitsrechte eingegriffen wurde – und dies alles bei einer ermittlung, heisst einem verdacht. die unschuldsvermutung gerät völlig ins hintertreffen angesichts all der vor-verurteilungen (auch das, nebenbei, eine parallele, die an so manche vorgänge im sport eirnnern mag)

    umso begrüßenswerter, dass zumindest die deutsche aids-hilfe die verhaftung kritisiert hat
    http://www.ondamaris.de/?p=9373