VOR ZEHN JAHREN: rot-grüne schlagerpolitik

Vor zehn Jahren fand der Eurovision-Song-Contest, wie er mittlerweile heißt, in Israel statt. Während aber heute, also 2009, dort ein anderer deutscher Popstar im Glitzerfummel auftritt, nämlich  Benedikt f.k.a. Ratzinger, unternahm damals eine Multikulti-Band namens „Sürpriz“ eine „Reise nach Jerusalem“, wie auch originellerweise der Songtitel (Ralph Siegel/Bernd Meinunger) lautete. Beim deutschen Vorentscheid belegte Süpriz noch Platz zwei hinter Corinna May, aber die blinde Sängerin wurde disqualifiziert, denn ihr Song war schon zu früh veröffentlicht worden. Sürpiz belegte in Jerusalem Platz drei – so erfolgreich war seither kein deutscher Teilnehmer mehr. Im Freitag kommentierte ich damals den Auftritt als ausgetüftelten Versuch des frisch von Rot-Grün regierten Deutschlands, in Israel mit einer Multikulti-Band die eigene Wiedergutwerdung zu beweisen: Freitag, Nr. 23/88, 4.6.1999

Surprise

GRAND PRIX D’EUROVISION – Programmierte Correctness

von martin krauss 

„Nun erreicht die neue deutschtürkische Welle sogar Israel“, hatte im Vorfeld des Grand Prix Eurovision de la Chanson am vergangenen Samstag in Jerusalem ein deutscher Politiker als Lob verkündet, was anderen als Drohung gilt. Er hatte den Umstand gemeint, daß eine Gruppe namens „Sürpriz“ als Repräsentant Deutschlands nach Jerusalem fahren durfte. „Sürpriz“ ist, so führte der Mann weiter aus, eine „Ethnogruppe, deren Mitglieder tiefstes Bayerisch sprechen und wie Istanbul aussehen“.

Der Politiker selbst spricht schwäbisch, sieht folglich aus wie Anatolien, und heißt Cem Özdemir. Für den Grünen-Abgeordneten ist „Sürpriz“ eine „bajuwarischtürkische Gruppe“, womit er es vergleichsweise gut getroffen hat. In der „taz“-Berichterstattung etwa war „Sürpriz“ mal die „deutsche Gruppe“, mal die „muslimische Gruppe“, dem „Mannheimer Morgen“ war es die „Multi-Kulti-Gruppe“, in der „B.Z.“ hießen sie die „deutsch-türkischen Ethnopopper“, und ganz unnachahmlich formulierte die „Saarbrücker Zeitung“: „die dunkelhaarige Truppe“.

Schlager bilden kollektive Wünsche, Sehnsüchte, Ängste, halt Gefühle ab. Weil das so ist, glaubt man hierzulande, man müßte nur andere Schlager in die Welt setzen, und schon fühlten die Menschen anders.

Oder eben Interpreten mit politischem Auftrag. In bester Agitprop-Tradition der deutschen Linken schrieb Cem Özdemir: „Geradezu passend zur Verabschiedung des neuen Staatsangehörigkeitsrechtes kommt diese Ethnogruppe“. Und die „taz“ assistierte: „Ein Lied im Namen des Doppelpasses“, weswegen „die politische Korrektheit alles Daumendrücken“ forderte.

Diesen politischen Auftrag erhielt „Sürpriz“, nachdem es in der nationalen Ausscheidung nur zweiter geworden war, aber die blinde Sängerin Corinna May mit ihrem erstplazierten Lied „Hör den Kindern einfach zu“ disqualifiziert worden war. Eine gesellschaftliche Mehrheit hatte „Sürpriz“ also genausowenig wie das neue Staatsbürgerrecht.

Das freilich ist ja noch kein Grund, es nicht zu unterstützen. Zumal, wie Jan Feddersen in der täglichen „taz“-Kolumne nicht müde wurde, zu betonen, der „Sürpriz“-Sänger Cihan Özden schwul ist, mithin eine weitere unterstützenswerte Minderheit vertritt.

„Sürpriz“ ist also eine Kombo wie ein grüner Kandidat für das Amt eines EU-Kommissars: einerseits abgestimmt mit den Referaten für multikulturelle und für gleichgeschlechtliche Angelegenheit, durch Teilnahme von drei Männer und drei Frauen auch ordentlich quotiert, andererseits mit Machtspielchen durchgedrückt gegen die eigentlich auf Platz eins nominierte Behindertenbeauftragte; aber das alles geschieht doch nur, damit sich die Bundesrepublik Deutschland als gründlich zivilisiert präsentieren kann.

Warum in Jerusalem das per TED ermittelte deutsche Publikumsvotum nicht gleich von Antje Vollmer verkündet wurde, bleibt offen.

„Sürpriz“ fuhr auch zur Holocaust-Gedenkstätte Yad Vaschem. „Was die KünstlerInnen, deren Vorfahren alle aus der Türkei stammen, dort gedenken sollen, blieb bis Redaktionsschluß offen“, präsentierte die „taz“ ihre Version dessen, was mittlerweile beinah überall die neue Unbefangenheit genannt wird. „Womöglich ist das eine Art Eindeutschungsprogramm oder fällt unter die Rubrik There’s no business like shoabusiness, wer weiß.“

Wer persönlich nicht schuldig ist am Holocaust, lautet die Botschaft der neuen Unbefangenen, hat auch nichts zu gedenken; nur den Deutschen obliege noch so etwas wie die Abwicklung von Familienangelegenheiten, weil das Erbe noch nicht frei sei.

Hilfe erhielt die „taz“ bei dieser Geschichtspolitik durch die „Süddeutsche“. „Wie weit die mentale Eindeutschung von Ausländern hierzulande bereits gediehen ist“, empörte sich ein als „Edo Reents“ zeichnender Autor, „ließ sich daran ablesen, daß ein türkisches Bandmitglied zu Protokoll gab, es fühle sich ‚irgendwie beteiligt an dem Ganzen‘ – an dem Judenmord nämlich, für den Türken bisher ja noch nicht geradezustehen hatten.“ Und Repräsentanten des Rot-grün-multi-kulti-Deutschlands, darf man diesen Gedanken wohl fortsetzen, wollen dafür auch nicht länger „geradestehen“.

Für diese rot-grüne Schlagerpolitik, vorgetragen in deutscher, türkischer und englischer Sprache, die letzte Zeile wurde gar in hebräisch gesungen, gab es im europäischen Wettbewerb Platz drei, innenpolitisch hingegen Schelte. „Europas Multikultur wird amerikanisch aufgerührt“, schimpfte die „Welt“, „Unterschiede zwischen Bosnien und Norwegen waren nicht erkennbar, beide Länder schickten afro-europäische Interpreten ans Mikrofon. Auch Deutschland sandte seine Minderheit, für Israel sangen schwarze Buben, die aus den USA stammen und dort einer eher zweifelhaften Sekte angehören.“ Und statt der zwölf Millionen Zuschauer vom letzten Jahr mit Guildo Horn, hatten diesmal in Deutschland nur vier Millionen eingeschaltet.

Aber außenpolitisch war die Mission der guten Deutschen ein voller Erfolg: Die begehrten zwölf Punkte gab es „natürlich“ („Associated Press“) von der Türkei, obendrein noch von den Niederlanden, von Israel, von Polen und, als nach diesen historisch schon genügend von den Deutschen belästigten Ländern, gar nicht mehr erforderliche Dreingabe noch von Portugal.

Ein so großer Erfolg, daß „Sürpriz“-Sänger Cihan Özden sich gar in der „B.Z.“ beschweren konnte: „Null Punkte aus Zypern von unseren Landsleuten, das war wirklich bitter“.

„Nun erreicht die neue deutschtürkische Welle sogar Israel“, hatte Cem Özdemir gedroht, und die Zyprioten werden auch noch einsehen, daß das Mittelmeer uns gehört.

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