VOR ZEHN JAHREN: robert musil und die überlebenschancen der tour de france

Vor zehn Jahren, 1999, gewann Lance Armstrong erstmals die Tour de France. Im Jahr zuvor, 1998, sprach man von einer Skandaltour, gewonnen hatte letztlich Marco Pantani, und ob die Tour noch eine Zukunft hatte, war damals noch fraglicher als heute. Wohl aber wusste man sicher, dass das Jahrhundert keine Zukunft mehr hatte, und das war doch ein „Jahrhundert des Sports“ gewesen. Eine Glosse aus der Jungle World vom 14. Juli 1999. (Jüngst las ich, wie jemand aus dem Umstand, dass der 97er-Sieger mit Nachnamen Ullrich, die Hauptfigur von Musils „Mann ohne Eigenschaften“ hingegen mit Vornamen Ulrich heißt, einen Zusammenhang herstellte – Details habe ich vergessen, aber damit habe ich nichts zu tun.)

 

Einfach Sportler verhaften: Dann bleibt die Ware knapp!

Mühsal mit Musil

von martin krauss

In Robert Musils „Mann ohne Eigenschaften“ sagt der Protagonist Ulrich, „daß Gott, aus Gründen, die uns noch unbekannt sind, ein Zeitalter der Körperkultur heraufzuführen scheint“.

Die hiesige Boulevardzeitung „B.Z.“ hat Musils Gedanken aufgegriffen und spricht von einem „Jahrhundert des Sports“, das zu Ende geht. Das hat doch wohl was zu bedeuten.

Einerseits nämlich eine zu Musils Zeit kluge und weitsichtige Beobachtung, die mittlerweile, im Jahr 1999, eher banal wirkt: Sport prägt diese Zeit.

Andererseits aber enthält ja der Satz auch die Prognose, daß das nächste, das 21. Jahrhundert nicht mehr das des Sportes sein wird. Das wäre zwar hinsichtlich der Zukunft meines Berufes unschön. (Und was soll ich in der Glotze gucken, wenn ich dann arbeitslos zu Hause hocke?) Aber falsch ist es ja deswegen nicht.

Im Kapitalismus – das habe ich der „FAZ“ und dem „Spiegel“ entnommen, es ist also durchrecherchiert – werden wir wohl auch nach der Jahrhundertwende weiterleben müssen. Auch das hat was zu bedeuten.

Zum Beispiel, daß die volkswirtschaftliche Erkenntnis, wonach ein zu großes Angebot bei zu geringer Nachfrage die Preise kaputt macht, weiter ihre Richtigkeit haben wird.

Früher gab es die große Tour de France, daneben eigentlich nichts, bestenfalls noch den Giro d’Italia und die Vuelta, die durch Spanien führte. Ein knappes, aber um so teureres und um so wertgeschätzteres Angebot. Heute wird um die Schweiz geradelt, um Mallorca auch, die Friedensfahrt ist für Profis offen, und zu allem Überfluß gibt es noch die Deutschland-Rundfahrt.

Vergegenwärtigt man sich noch die vielen WTA- und ATP-Tennisturniere, die etwa zehn Schwergewichtsboxweltmeister oder die Fußball-Champions-League, zu der sich auch ein Ligaviertplazierter qualifzieren darf, so er denn aus Deutschland kommt, merkt man, daß im Sport eine Übersättigung des Marktes stattfindet.

Da droht das Ende, und die Preise gehen kaputt.

1987 etwa war es für Berlin, damals West-Berlin, ein teures Spektakel, den Tourstart zu sich zu holen. Vor ein paar Jahren konnte sich schon Koblenz leisten, eine Tour-Etappe zu beherbergen.

So sehr sanken die Preise. Und da ist ja wohl der Staat gefordert.

Der für die Tour zuständige französische Staat handelte im letzten Jahr auf Geheiß der kommunistischen Sportministerin sofort. (Für Deutschland saß übrigens der spätere Verteidigungsminister Scharping im Begleitauto – auch hier war der Staat auf sofortige Intervention vorbereitet.) Reihenweise wurden Fahrer verhaftet. Und der Sieger Marco Pantani kam zwar ungeschoren davon, wurde aber erst in diesem Jahr festgenommen, als der Giro d’Italia kurz vor dem Abschluß stand und er das Gesamtklassement anführte.

Trotz der aus Sicht kommunistischer Sportpolitik wohl als Panne zu verstehenden Nicht-Verhaftung des Italieners bewirkte die Verknappung des Angebots der Weltklasseradfahrer doch das, was der Staat als ideeller Gesamtkapitalist bewirken wollte: Die Ware Radsport erzielte wieder Preise, die den Anbieter freuen.

Nur durch diese massive Staatsintervention, die darin besteht, Sportler einfach während des Wettkampfes zu verhaften, dürfte gewährleistet sein, daß der Sport auch das 21. Jahrhundert prägen wird.

Musil vermutete noch, „daß Gott, aus Gründen, die uns noch unbekannt sind, ein Zeitalter der Körperkultur heraufzuführen“ schien. Was die Gründe angeht, wissen wir mittlerweile mehr: Weil der Staat sich so schön fürsorglich ums Funktionieren des Marktes kümmert, wird der Sport weiter existieren.

Wenn das nicht beruhigt.

 

Aus: Jungle World Nr. 29/99 vom 14. Juli 1999 

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