freiheit für die falschen?

In der aktuellen Ausgabe der Jüdischen Allgemeinen (Nr. 37 vom 10.11.2009) findet sich ein Kommentar von mir zum vieldiskutierten Internet-Manifest. Da es vielleicht etwas uncool ist, einen Text zu einem solchen Thema nur auf richtigem Papier und auf ePaper (runterscrollen, der mittlere Kommentar ist es) zu präsentieren, sei er hier entgegen meiner sonstigen Gewohnheit reinkopiert:

Freiheit? Freiheit! Freiheit?

von Martin Krauss

„Das Internet ist anders“, verkündet ein Manifest, das 15 bekannte deutsche Blogger dieser Tage vorgelegt haben. „Die Freiheit des Internet ist unantastbar“«, heißt es dort in guter liberaler Tradition. Wer etwa gegen Kinderpornos oder Rechtsextremismus Zugangssperren errichte, gefährde „den freien Austausch von Informationen“ und beschädige „das grundlegende Recht auf selbstbestimmte Informiertheit“. Ja, möchte man rufen und seine Unterstützung des Manifests in die Tastatur hämmern. Haben die Blogger nicht recht, wenn sie auf staatliche Eingriffe in die freie Netzwelt schimpfen? Die ehrliche Antwort lautet: Es kommt drauf an. In einer Gesellschaft, die selbst stark genug ist, beispielsweise Leugner des Holocausts sozial zu ächten, gäbe es kein Problem. Solange aber Antisemitismus und Rassismus eher ein Wegschauen, manchmal auch stille Zustimmung, selten aber offenen Widerspruch hervorrufen, bedarf es anderer Regeln im Internet. Wenn sich der Staat aus dem weltweiten Web zurückzieht, ist das gut. Aber es darf kein Vakuum entstehen, das rechte Hetzer, Kinderporno-Händler oder Islamisten mit ihren Ergüssen füllen.

3 Responses to “freiheit für die falschen?”

  1. Rainer Kühn sagt:

    Es kömmt darauf an: um hier mal Karl Marx anklingen zu lassen. Das Internet wäre in der auf den Füßen stehenden Gesellschaft mit klarem Kopf eine noch wunderbarere Sache … heute aber sind Manifeste zur schlechten Verfassung der Gesamtgesellschaft angebrachter als solche zur Lobhudelei einer Scheinfreiheit, die auch am Bahnhofskiosk zu haben ist. – Aber so ein Manifest haben wir ja schon.

  2. admin sagt:

    Schön formuliert. So sehe ich das auch.
    Best, Martin

  3. admin sagt:

    Hier noch ein LInk zu einem klugen Kommentar, den Jörn Schulz im Jungle-World-Blog geschrieben hat: http://jungle-world.com/morgenblog/557/: Er findet in dem Internet-MAnifest die „klassische Terminologie des Wirtschaftsliberalismus“.