VOR ZEHN JAHREN: the zion lion

Mal wieder eine Rückschau auf das Jahr 1999: Im September 99 boxte Regina Halmich gegen Jill Matthews: Punksängerin, Friseuse, Ernährungsberaterin und überzeugte Jüdin aus New York. Ein Porträt von der Frau, deren Kampfname „The Zion Lion“ ist, aus der Süddeutschen Zeitung vom 17. September 1999.

Matthews verlor übrigens in Stuttgart eindeutig nach Punkten. Laut dem (meist sehr zuverlässigen) boxrec.com hat Matthews danach keinen Kampf mehr bestritten.

 

jill-matthews-reporter.jpg Die schrille Jill und ihre Lust an der Provokation

von martin krauss 

Regina Halmich könnte am Samstag was zu hören bekommen. Nämlich dies: „I saw you walking down the street / and kicked you in the balls / I think I saw your girlfriend / well I punched her in the face / cause I hate the both of you / You’re a fuckin‘ disgrace“ („Ich sah, wie du die Straße hinunter gingst / und trat dir in die Eier / Ich glaube, ich habe deine Freundin gesehen / und schlug ihr ins Gesicht / denn ich hasse Euch beide / ihr seid eine verfickte Schande“).

So singt nämlich die Gegnerin der deutschen Profibox-Weltmeisterin. Sie heißt Jill Matthews, ist gebürtige New Yorkerin und hört auf den Kampfnamen „The Zion Lion“. Wenn sie nicht gerade ihrem Beruf als Profiboxerin nachgeht, und auch ihre Nebenjobs Hairdresser und Ernährungsberaterin vernachlässigt, dann ist Jill Matthews, 34, Frontfrau der New Yorker Punkband „Times Square“, die schon zwei CDs herausgebracht hat. Matthews singt nicht nur, sie textet und komponiert auch, und ihr Ehemann hockt an den Drums. Der heißt David Turetsky, ist der Sohn eines bekannten Rabbis in White Plaint, New Jersey, arbeitet als Anwalt für Arbeitsrecht in einer renommierten Kanzlei in der Park Avenue von Manhattan, und ganz nebenbei managt er seine boxende Gattin.

Sie fing erst im Alter von Ende zwanzig mit dem Boxen an und hatte als Amateurin gleich historischen Erfolg. 1995 wurde sie nämlich die erste Golden Gloves-Siegerin überhaupt. Der Finalsieg war der zweite Amateurkampf ihres Lebens.

„Dann wollten die Promoter, dass aus mir ein Profi wird“, erzählt sie, „doch ich glaubte an, das wäre ein großer Joke, also sagte ich ‚Yeah‘ und ‚O.k.‘ und ‚ich werde es schon schaffen‘.“

Ihren ersten Kampf verlor sie dann aber. Es war ein technischer K.o. in der 2. Runde gegen Anissa Zamarron. Danach nahm sie die Sache ernster, trainierte lange Zeit als einzige Frau in New Yorks legendärem Gym „Gleason’s“ in Manhattan, boxte sich hoch und gewann fast nur noch.

Mittlerweile trainiert sie in einem Gym in Brooklyn bei Lennox Blackmore, einem aus Guinea stammenden früheren British-Empire-Meister.

Der verpasste ihr auch nach ihrer zweiten und bislang letzten Profi-Niederlage ihren Kampfnamen „The Zion Lion“, zumindest die zweite Hälfte. Nach einem Kampf 1997 in Dänemark gegen Sengul Ozokcu, den sie nach Punkten verlor, sagte er: „Du hast das Herz eines Löwen“. Nur um ihre Flugangst zu überwinden hätte sie zugesagt, erzählte sie in einem Interview mit der im Internet erscheinenden Fachzeitung „Cyber Boxing Zone“, der Zehn-Stunden-Flug habe sie sehr angestrengt, und dann sei da noch ein ermüdender Bus-Shuttle von Kopenhagen zum Veranstaltungsort Randers gewesen: „Weil ich eine Jüdin bin, war es für mich bisschen, als ob ich spürte, wie es den Juden im Zug nach Auschwitz erging.“

Provokationen wie diese, die über die Geschmacksgrenze hinaus gehen, hat die Punkerin und Anwaltsgattin auch in anderen Bereichen auf Lager. In einem neueren Interview sagt Matthews, sie verstünde gar nicht, warum die Lesben sie nicht leiden könnten, „ich dachte immer, ich wäre so etwas, wie eine Göttin für sie“.

Die Lust am Provozieren begann bei ihr in der Schule. In den Pausen verprügelte sie oft ihre schwarzen und Hispanic-Klassenkameraden, und brüllte dabei: „Für die Juden! Die Russischen Juden! Stark wie ein Stier!“

„Ich glaube“, sagte sie mal in einem Interview, „das größte Problem der Juden heutzutage ist, dass sie das Ausmaß des Antisemitismus nicht begreifen. Wissen Sie, woher ich das weiß? Weil mich niemand für eine Jüdin hält. Da bin ich so etwas wie die Fliege an der Wand und registriere alles. Immer wieder höre ich, wie die Juden so seien. Und immer antworte ich: ‚Yeah, ich weiß, ich bin selber Jüdin.'“

Im März 1998 wurde die Löwin Zions endlich Weltmeisterin im Junior-Fliegengewicht. Nach ihrer Niederlage 1995 und nach einem Unentschieden im Januar 1998 war es Matthews im dritten Anlauf endlich gelungen, Anissa Zamarron zu schlagen. Bis vor wenigen Wochen trug Matthews die Weltmeistertitel der Verbände IFBA und IWBF. Doch die IWBF erkannte ihr den Titel Anfang September ab, denn sie habe es versäumt, Verträge für Pflichtverteidigungen zu unterschreiben. Und die IFBA ließ ohne weitere Begründung mitteilen, daß der Junior-Fliegengewichts-Titel vakant sei.

Nun, am Samstag in Stuttgart (live übertragen im DSF), kämpft Jill Matthews um den Fliegengewichtstitel des dritten Verbandes im Weltfrauenboxen, der WIBF. Den hält die Karlsruherin Regina Halmich seit 1995 und ob die eine Provokateurin wie Jill Matthews aushalten wird, muss sie noch zeigen.

Vor ihrem ersten Titelkampf 1998 hatte sich Matthews so Mut gemacht: „Ich wollte rausgehen, und wenn ich nicht gewonnen hätte, dann wollte ich sie zumindest richtig böse verletzen. Das schwöre ich. Dann hätte sie jedem in dem verfickten Krankenhaus ihren Gürtel zeigen können.“

Aus: Süddeutsche Zeitung 17.9.99

 

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