und super-wulff

Wohin mit Texten, die dann noch nicht veröffentlicht werden? Für die Jungle World, sprich: für die Kolumne Was kümmert mich der Dax? des urlaubenden Jörn Schulz kommentierte ich den Wulff-Rücktritt, doch kaum war mein Text fertig, hatten sich alle, die was zum Thema zu sagen haben, auf Gauck geeinigt. Und mein schöner Text war überholt. Närrische Tage – danke schön, Frau Merkel.

Was kümmert mich die Dax-Urlaubsvertretung?

Hugo Müller-Vogg trägt keine Krawatte. Nimmt da nicht sein Amt Schaden? Nämlich das Amt, im Ersten der erste Analytiker der Causa Wulff zu sein? Müller-Vogg, der vor elf Jahren als FAZ-Herausgeber gefeuert wurde, weil er der zu rechts war, analysiert in der ARD auch binderlos munter drauf los: Christian Wulff habe halt seiner jungen Frau viel bieten müssen, obwohl er durch die Scheidung von einer nicht so jungen Frau ausgebrannt war; nun drohe ihm ein finanzielles Fiasko.

Schuld ist also Frau Wulff, weder Müller-Vogg noch die Geschichte können sie freisprechen: Schließlich wurde Wulffs Sturz am Tag nach Weiberfastnacht besiegelt, und die gibt es, seit 1824 im Bonner Stadtteil Beuel die dortigen Wäscherinnen militant den weiblichen Anteil am karnevalistischen Volksvergnügen einforderten, indem sie das Rathaus stürmten. Auch hier stürzte weibliche  Vergnügungssucht also einen politischen Statthalter.

Das Beueler Rathaus steht immer noch, nur der damalige Bürgermeister ist physisch nicht mehr existent. Das Amt wurde also nicht beschädigt, nur der Amtsinhaber. Auch das Schloss Bellevue steht noch, und auch hier purzelten politische Gestalten die Wandeltreppe runter, dass es historisch nur so krachte: Erich Ludendorff etwa wurde hier 1918 vom Kaiser entlassen. Und Otto Meissner musste hier auf Hitlers Befehl die Präsidialkanzlei zusammenhalten, obwohl der Job des Staatspräsidenten damals ja gar nicht mehr besetzt war.

Um die Verwaltung eines Jobs, der von der etwas mächtigeren Vertreterin der Staatsmacht nicht gebraucht wird, geht’s nun wieder. Es wird also noch mal einer gesucht, der im Schloss Bellevue anstandslos, aber mit Anstand, den Grüßaugust spielt. Wenn der dabei mehr Glamour versprüht, als die Loser Wulff und Köhler zusammen, würde das der Würde des Amtes bestimmt gut tun.

Was also gesucht wird, ist nicht die Köchin, von der Lenin schrieb, sie müsse die Staatsmacht ausüben können – schließlich haben wir es ja nicht mit einem absterbenden Staat zu tun und dass es ein postrevolutionärer Staat ist, glauben auch nur Bürgerrechtler –, sondern es geht nicht um so etwas wie Staatsmacht. Es geht ja immer nur um politischen Vollzug von irgendwelchen ökonomischen Sachzwängen, und die sind, hat Elmar Altvater jüngst im Freitag analysiert, politisch nicht moderierbar: „Eben deshalb können sich kapitalistische Gesellschaften abgrundtief dumme und unfähige Politiker leisten.“ So sehen die Kandidaten ja auch aus, die gerade gehandelt werden.

Tief im Innern wissen doch alle, dass der Job, um den es geht, einer ist, der, wäre er nur für Frauen ausgeschrieben, „Gesellschaftsdame“ hieße. Um so eine einzustellen, braucht einer wie Hugo Müller-Vogg doch keine Krawatte. Dafür macht er sich lieber schon mal frei.  Martin Krauß

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