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Wie erklärt man’s? Die Jungle World hat meine Rezension des Buches Der Schweiß der Götter.  Die Geschichte des Radsports von Benjo Maso einerseits gedruckt, andererseits nicht gedruckt. Zu lesen sind von den bestellten und geschriebenen 7.000 gerade mal 4.000 Zeichen – nämlich hier: Vom Rad der Geschichte –, 3.000  Zeichen am Ende des Textes fehlen einfach, und natürlich will’s keiner gewesen sein.

Also muss ungewöhnlicher Weise dieses Blog genutzt werden, um den gesamten Text zugänglich zu machen. Flicken nennt man das wohl nicht mehr, eher Reifenwechsel. Here we go.

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Vom Rad der Geschichte

Warum die Tour de France und andere Klassiker so populär sind – und bleiben. Das beschreibt der niederländische Soziologe Benjo Maso

Von Martin Krauss

Gerade in den Zeitungen, in denen es ihrem Selbstverständnis nach ziemlich kritisch zugeht, ist in den letzten Jahren beinah regelmäßig das Ende, ja, der Tod des Radsports ausgerufen worden. Manchmal sind es dopende Profis, manchmal bös schreibende Journalisten und manchmal das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das sich von der Übertragung abschaltet, die wahlweise als Mörder oder als Totengräber fungieren.

Doch das Peloton rollt weiter, der Profiradsport gehört immer noch zu den beliebtesten Sportarten, und nicht mal der Umstand, dass reihenweise Tour-de-France-Siege aberkannt wurden, verhindert die Begeisterung. Kurz gesagt: Wenn die ARD nicht mehr will, dann gucken die Leute halt auf Eurosport, wie sich kräftige, junge Männer den Tourmalet hochquälen.

Der niederländische Soziologe Benjo Maso hat sich die naheliegende Frage vorgenommen, warum der Radsport so beliebt ist und so beliebt bleibt. Sein Buch, das in den Niederlanden seit 2003 als Standardwerk gilt, liegt nun auch in deutscher Übersetzung vor.

Maso erklärt darin, wie es, nachdem das Fahrrad als massenhaftes Fortbewegungsmittel eingeführt war, zum Fahrrad als Sportgerät kam. Ausgetragen wurde eine moderne Variante von Pferderennen – wobei selbstverständlich gewettet wurde. Maso zeigt auf, dass die Fahrradindustrie – wegen der Bedeutung des Velos für die Mobilität, gerade unter den Bedingungen der Industrialisierung – enormes Interesse an der Popularisierung des Radsports hatte, wenngleich nicht am Sport selbst. „Wie wenig Wert die Hersteller dem sportlichen Aspekt des Radsports beimaßen, geht deutlich aus den Rennen hervor, die sie selbst organisierten“, schreibt Maso. „Dazu gehörte zum Beispiel der Course Michelin im Jahr 1892, ein Rennen über 400 Kilometer zwischen Paris und Clermont-Ferrand.“ Mit ihm wollte die Firma Michelin einen neu entwickelten austauschbaren Schlauch auf dem Markt einführen. Doch weil das Rennen von einem Fahrer gewonnen wurde, der auf Dunlop-Reifen fuhr, musste sich Michelin etwas einfallen lassen: der Dunlop-Fahrer wurde disqualifiziert, der Zweitplatzierte zum Sieger ausgerufen.

Maso beleuchtet auch die Rolle der Fahrer in diesen Machtkämpfen zwischen Firmen. Von Beginn an waren sie Profis und mussten sich allzuoft gegen Schikanen des Reglements, der Veranstalter und der Firmen, die sie bezahlten, wehren. Daher gründeten sie Fahrergewerkschaften, die aber ob der Konkurrenz unter den Profis meist scheiterten . Doch bis heute greifen Berufsradfahrer häufiger als Profis anderer Sportarten zum proletarischen Mittel des Streiks, um ihre Rechte durchzusetzen oder sich zumindest gegen Zumutungen zu wehren.

Detailliert zeichnet Maso nach, wie große Sporttageszeitungen selbst Rennen organisierten, um mit den Exklusivinformationen, die sie so hatten, Leser an ihr Blatt zu binden. Und schließlich zeigt er, wie sich genau aus dem medialen Zwang, das eigene Produkt groß zu schreiben, das ergab, was nicht erst seit heute als „Mythos Tour de France“ bezeichnet wird. Und wie das Fernsehen dieses mehr als nur verstärkt hat.

Die Frankreich-Rundfahrt der Radprofis, seit 1903 ausgetragen, anfangs von der Zeitung „L’Auto“ veranstaltet, steht im Mittelpunkt von Masos Buch. Dafür gibt es gute Gründe, aber manchmal wird bei ihm die Radsportgeschichte doch zu sehr auf die Tour verkürzt.

Wie „L’Auto“ und sein legendärer Chefredakteuer Henri Desgrange am Mythos arbeiteten, belegt Maso etwa am Beispiel Bergetappe. Bis heute hält sich die Legende, erst bei der Tour 1905 seien Bergetappen eingeführt worden. Desgrange selbst hatte im Vorfeld geschrieben: „Keiner von uns weiß, was der Ballon d’Alsace bringen wird.“ Der 1171 Meter hohe Vogesenberg war als Etappenziel in den Tour-Plan aufgenommen worden. „Diese Passage durch die Berge ist die größte Neuerung dieses Jahres. Unsere Angst ist genauso groß wie die der Rennfahrer.“ Bloßes Marketing, wie Maso nachweist. Schon bei der Tour 1903 und 1904 hatten die Fahrer Berge überqueren müssen, und schon 1894 hatte es ein Rennen über den Brenner gegeben.

Nicht nur hier wirkt Maso durch seine sehr genaue Arbeitsweise  als großer Zertrümmerer von Radsport-, vor allem Tour-Mythen. Etwa zeigt er, dass die berühmte Tour-Legende, wonach Eugéne Christophe 1913 seinen Gabelbruch selbst in einer Dorfschmiede reparieren musste, damals von niemandem, schon gar nicht von Henri Desgrange, wahrgenommen wurde. Desgrange war ja selbst für das Reglement verantwortlich, das die Fahrer derart drangsalierte.

Maso zeigt, dass es gerade die gesteuerte Mystifizierung war, die der Tour ihren überragenden Stellenwert im internationalen Radsport – weit vor dem Giro d’Italia, der Spanienrundfahrt oder den Eintagesklassikern – verschaffte.

Gerade der Umstand, dass Maso ein Radsportchronist mit sozialwissenschaftlichem Blick ist, macht das Buch so wertvoll: Man erfährt, wie etwa die Tour ab 1930, als die Rezession die Welt erschütterte, auf die Krise reagierte, indem es die kapitalistische durch eine andere Konkurrenz ersetzte: „L’Auto“ ließ Nationalteams fahren, die Begeisterung für die Tour wurde gerettet, und anstelle der krisenhaften Fahrradindustrie traten anderen Branchen als Finanziers auf. Gerade in der Krise gelang also dem Profisport eine Öffnung und Erweiterung. Das ist zum Teil auch – etwa in Italien 1937 – mit dem Interesse faschistischer Regime an einer gelungenen nationalistischen Selbstdarstellung via Sport zu erklären. Aber es kommen auch andere Aspekte hinzu, wie Maso zeigt: „Vor allem nachdem die Volksfrontregierung unter León Blum den französischen Arbeitnehmern das Recht auf bezahlten Urlaub geschenkt hatte, nahm die Zahl der Leute, die eine Etappe der Tour vorbeifahren sahen, enorm zu.“

Bis in die Gegenwart arbeitet sich Maso durch die Radsportgeschichte, immer entlang der alles überlagernden Tour de France. Auch die „katastrophalen Frankreich-Rundfahrten“ der Jahrhundertwende, die durch Dopinggerüchte und –beweise, durch Polizeirazzien und Verhaftungen von Fahrern geprägt waren, nimmt er sich genau vor. Und er zeigt, wie die Tour-Direktion durch die Krise, in der sie sich durch öffentlichen Druck und staatliche Repression befand, zur Globalisierung gezwungen war: Die Firma, die mittlerweile die Tour de France veranstaltet, die Amaury Sport Organisation (ASO), engagiert sich seither auch bei den Rundfahrten in Katar und Burkina Faso, und seit 2009 mischt die ASO auch bei der Kalifornien-Rundfahrt mit.

Die Tour de France zu ersetzen, ist nicht das Ziel der globalen Investitionen. Es geht vielmehr um die Kontrolle und – via Fernsehgelder – finanzielle Abschöpfung des Marktes, etwa so wie in der Formel-1. Doch die Faszination, die vom Radsport ausgeht, und die Maso ja auch ergriffen hat, speist sich aus dem immer noch existierenden „quasi-archaischen Charakter des Straßenradsports“. Das ist etwas Subversives, und also Schönes.

Der Radsport ist nicht tot, sondern lebt. Maso schreibt: „Es gibt keinen Sport, in dem Tradition eine solch wichtige Rolle spielt. Doch diese ist alles andere als festgelegt. Im Gegenteil, sie wir immer wieder neu erfunden.“ Auch in diesem Sommer werden die Fernsehkommentatoren wieder, während die Bilder die großartigen Bilder der französischen Landschaften zeigen, aus dem „Baedeker“ vorlesen, mittelalterliche Kirchen preisen und berühmte Weinanbaugebiete loben. Wenn aber das mit der ständigen Erneuerung stimmt, dann sollten die Herren vom Fernsehen doch lieber Benjo Masos großes Buch zur Hand nehmen und Etappe für Etappe daraus vortragen.

Benjo Maso: Der Schweiß der Götter. Die Geschichte des Radsports. Bielefeld 2011: Covadonga-Verlag, 287 Seiten, 14,90 Euro

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