Archive for the ‘boxen’ Category

eins auf die ohren

Samstag, Februar 4th, 2012

Mit den sehr angenehmen Jungs von Piradio habe ich mich am Mittwoch über Muhammad Ali, seine sportliche und boxerische Bedeutung unterhalten. Gibt’s hier zum Nachhören: Berliner Runde – Radio Obskura #34, (etwa ab 28:00)

über ali in der welt (2)

Dienstag, Januar 17th, 2012

Muhammad Alis Siebzigster zum Vierten. Auch in der taz habe ich eine Würdigung des früheren Schwergewichtsweltmeisters geschrieben: Das herausragende Schwergewicht, womit nun – nach vier Artikeln (Konkret, Jüdische Allgemeine, Jungle World und taz) – auch Schluss ist. Und ohne böse, gemein, rechthaberisch oder Ähnliches wirken zu wollen, ist es mir doch ein Herzensanliegen, einen Fehler, der der taz beim Redigieren passiert ist, zu korrigieren. Zum Patterson-Fight Alis 1965 steht da: „Ein Jahr später verteidigt Ali in einem Interview“. Geschrieben hatte ich: „Ein Jahr später entschuldigt sich Patterson und verteidigt Ali in einem Zeitungsbeitrag.“ Ob Artikel oder Interview mag ja egal sein (btw: es war ein von Floyd Patterson zusammen mit Gay Tulese verfasster Artikel, der im August 1966 im Esquire-Magazin unter dem Titel „In Defense of Cassius Clay“ erschien), aber nicht gleichgültig ist mir, dass der sehr anständige Floyd Patterson, der in Zeiten übelster Anti-Ali-Hetze die Größe hatte, sich zu korrigieren, sich zu entschuldigen und Ali zu verteidigen, nun ausgerechnet in meinem Text in einem negativen Licht erscheint.

über ali in der welt

Donnerstag, Januar 12th, 2012

Hilft nix, die Muhammad-Ali-Festwoche ist eröffnet. Am 17. Januar wird der Mann siebzig, und meine bescheidenen Würdigungen sind bislang in der Konkret 1/2012 unter dem Titel Fight the System (nur in der Printausgabe) sowie in der heutigen Jüdischen Allgemeinen, Der kleine Jude und „the Greatest“, erschienen.

Heute schon in der Print- und ab Sonntag auch in der Online-Ausgabe findet sich ein Artikel in der Jungle WorldBoxen gegen das Establishment. Über weitere Artikel wird an dieser Stelle berichtet.

ali-cover.jpg Und wer immer es hören möchte, mein Ali-Hörbuch lohnt sich (finde ich in aller Bescheidenheit) immer noch: Muhammad Ali. Ein Leben.

boxing radio

Sonntag, Dezember 11th, 2011

In Radio Bremen ist die Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur besprochen worden, deren erster Band gerade erschienen ist und in dem ich den Beitrag Boxen geschrieben habe. Der Autor von Radio Bremen, Jürgen Werth, hat mich dazu interviewt: Hier findet sich das Sendemanuskript.

maxe!

Donnerstag, Dezember 1st, 2011

Auf der Tagung „Sportler im Jahrhundert der Lager“ in der Gedenkstätte „Haus der Wannseekonferenz“ am 26.11.2011 habe ich einen Vortrag zu „Max Schmeling – Karriere im NS-Zwielicht“ gehalten. Dieses Manuskript stelle ich mal ins Netz.

Guten Tag,

Wenn es um deutsche Jahrhundertsportler geht, fällt immer auch der Name Max Schmeling. Der frühere Weltmeister im Schwergewichtsboxen lebte von 1905 bis 2005, etwa ein halbes Jahr vor seinem 100. Geburtstag ist er hoch betagt und hoch angesehen gestorben.

Drei Thesen sind es, die ich heute vorstellen und begründen möchte.

1. Schmeling fungierte immer als Folie, auf die Weltanschauungen projiziert wurden. Er war immer ein politisches Symbol: in der Weimarer Republik eines der Demokratie, nach 1933 außerhalb Deutschland als eines des NS-Regimes, ab den fünfziger Jahren eines des Wirtschaftswunders und der westdeutschen Nachkriegsdemokratie.

2. Schmeling war kein Nazi. Doch diese Information, dass er kein Nazi war, haben wir von Joseph Goebbels. Es war die Nazipropaganda, die alles dafür getan hat, damit Schmeling nicht als Nazi präsentiert wird. International hingegen galt (und gilt oft noch) Schmeling als der Boxer der Nazis. In Deutschland hingegen dominiert das Bild des unpolitischen und anständigen Sportsmanns. Das ist so stabil und wurde nicht mal durch die Erkenntnisse, die es mittlerweile über Schmelings mutige Widerstandsaktionen gibt, korrigiert.

3. Schmeling war nie ein selbst bestimmtes politisches Symbol, schon gar nicht im Nationalsozialismus. Aber er hätte die Chance gehabt, es zu werden. Dazu hätte er aber unter den Bedingungen des Nationalsozialismus einen mutigen Schritt wagen müssen: die Emigration, die offene und symbolische Parteinahme gegen NS-Deutschland. Das hat er nicht getan.

In den Zwanzigerjahren war Max Schmeling keinesfalls ein populärer Kämpfer. Die Stars der Szene waren Hans Breitensträter, Paul Samson-Körner oder Franz Diener. Es gab kurze Anflüge von Popularität, etwa 1928, als Schmeling gegen den Italiener Michele Bonaglia um die Europameisterschaft kämpfte. Der Schauspieler und Regisseur Fritz Kortner schildert es in seinen Erinnerungen so: „Als er den damaligen, von Mussolini persönlich ermunterten italienisch-faschistischen Europameister besiegt hatte mutete uns das wie ein Sieg der Demokratie über den Faschismus an.“ Schmeling selbst war diese Interpretation als Symbol der Demokratie gar nicht recht. Er sagte: „Ich habe gegen Bonaglia geboxt und nicht gegen seine Freunde.“

Aber anhaltend populär war Schmeling immer noch nicht, das waren nur temporäre Beliebtheitsschübe. Das änderte sich nicht mal, als er 1928 nach Amerika ging, um sich dort in der damals krisenhaften US-Schwergewichtlerszene zu etablieren. Vielmehr war es so, dass seine Übersiedlung nach Amerika ihm in Deutschland übel genommen wurde. Er hatte nämlich die Verteidigung des Deutschen Meistertitels gegen Ludwig Haymann – auf den Namen komme ich zurück – platzen lassen. Offiziell wegen einer Handverletzung. Der Schriftsteller Erich Kästner schrieb damals: „Er hat also den deutschen Meisterschaftstitel aufgegeben, um seine verletzte Hand für die amerikanischen Dollar zu pflegen.“

Nicht mal der WM-Titel, den er 1930 gegen Jack Sharkey erkämpfte, verschaffte Schmeling eine anhaltende Popularität.  Schmeling hatte ja bekanntlich durch Sharkeys Disqualifikation nach einem Tiefschlag gewonnen. In Berlin kursierte ein Witz, der so ging: „Ick hau dir unter de Jürtellinie, dette Weltmeister wirst“

Auch politische Interpretationen von Schmelings WM-Erfolg gab es. Ich zitiere, was Carl von Ossietzky 1930 in der „Weltbühne“ schrieb: „Dieser Sieg, weil der Feind regelwidrig geschlagen hat und dem Zusammengehauenen trotzdem der Titel zuerkannt wird, das ist der deutsche Wunschtraum seit zehn Jahren. Doch hat sich noch kein Ringrichter gefunden, der den Versailler Vertrag außer Kraft gesetzt, die Franzosen aus Straßburg, die Polen aus dem Korridor und, als köstliche Zugabe, die Juden auch noch aus Deutschland verjagt hätte. Es ist die kleine Komik des Zufalls, dass dieser Wunschtraum weder in einem Politiker noch einem Militär in Erfüllung gegangen ist, sondern in einem langen schlaksigen Gladiator von negroidem Einschlag.“

1932 verliert Schmeling seinen Titel. Das Kampfrichterurteil für Jack Sharkey wird – nicht nur in Deutschland – als skandalös interpretiert. Auf Schmelings Ruf in Deutschland wirkt sich die Niederlage positiv aus: Er ist endlich populär, denn er ist ein bedauernswertes Opfer. Eines, das betrogen wurde. Diese Sicht auf Schmeling ist durchaus kompatibel zu einem Verständnis  Deutschlands als vom Ausland – Stichwort Versailles – benachteiligte oder betrogene Nation.

Schmeling war also – These eins – schon vor 1933 ein politisches Symbol. Er fungierte schon da als Folie, auf die sich vieles projizieren ließ.

1933 kommen die Nazis an die Macht, und im Juni 1933 boxt Schmeling im New Yorker Yankee Stadium gegen Max Baer. Der tritt mit einem auf die Trousers gestickten David-Stern in den Ring und gibt sich das Image eines Juden. Dass Baer kein Jude war, ist für Wahrnehmung des Kampfes irrelevant. Der Kampf ist nicht nur eine hochsymbolische Auseinandersetzung, die bei älteren Juden bis heute einen Stellenwert hat wie sonst nur der zweite Louis-Schmeling-Kampf 1938 in Amerika. Der Kampf offenbart auch etliches über den politischen Umgang der NS-Führung mit Max Schmeling.

Bereits im März 1933 war Schmeling erstmals in die Reichskanzlei eingeladen worden. Hitler hatte zu ihm dort gesagt: „Wenn Sie mal Probleme haben, lassen Sie es mich wissen.“ In der sehr breit gefächerten NS-Presse war es lediglich das Radaublatt „Stürmer“, das gegen den anstehenden Kampf Schmelings gegen jemand, den alle Welt für einen Juden hielt, protestierte: „Schmeling boxt gegen einen Vollblutjuden“ hieß es, und dass dieser Kampf kein Sport, sondern eine „Kultur- und Rassenschande“ sei. Andere Blätter wie der „Völkische Beobachter“ übten sich in Zurückhaltung, die nicht nur dem Umstand geschuldet war, dass Baer ein gefürchteter Puncher war. Es hatte auch etwas mit den politischen Zielen zu tun, die die NS-Führung mit einem wie Schmeling – wie allgemein mit ihrer Sportpolitik – erreichen wollten.

Die damals noch in Berlin erscheinende „Jüdische Rundschau“ jedenfalls war über die eher sachliche Berichterstattung der NS-Presse überrascht: „Wir denken nicht, einen Boxer zu einer repräsentativen Figur des Judentums zu stempeln; aber eigentümlich ist es doch, dass der ›Völkische Beobachter‹ vom 10. Juni in seinem Sportbericht über den Boxkampf Baer-Schmeling erklärt, Schmeling sei in New York von dem ›Deutsch-Amerikaner Max Baer‹ besiegt worden.“ (In Klammern sollte ich hinzufügen, dass Max Baer nicht nur kein Jude war, sondern auch kein Deutscher, auch wenn er einen deutsch klingenden Namen trug.)

Sportlich endete der Kampf mit einer vernichtenden K.o.-Niederlage Schmelings in der 10. Runde. Warum aber wurde Schmeling von der NS-Presse nicht als einer der Ihren präsentiert?

Von Heinrich Himmler, dem Reichsführer SS, ist die Anweisung überliefert, „dass ein sportlich so auf der Höhe stehender Mann wie Schmeling dem deutschen Volke mehr nutzen kann, wenn er weder der SS noch der SA, der NSKK oder sonst einer Gliederung angehört.“ Dieser Satz war Schmeling übermittelt worden, nachdem eine Gliederung der SA versucht hatte, aus ihm ein Ehrenmitglied zu machen. Schmeling hatte, um dies zu verhindern, persönlich bei Hitler angerufen, und sein Freund, Hitlers Leibfotograf Heinrich Hoffmann, hatte dann bei Hitler vorgesprochen – Sie erinnern sich: „Wenn Sie mal Probleme haben, lassen Sie es mich wissen.“. Schmeling hatte gegenüber Heinrich Hoffmann so argumentiert: „Er begriff mich erst, als ich ihm klarmachte, dass ich schließlich hauptsächlich in Amerika boxe und als SA-Führer dort sicherlich in manche Ungelegenheit geraten könnte.“ Nach (wahrscheinlich) unmittelbarer Rücksprache mit Hitler entzog sich Schmeling in diesem Fall der SA-Mitgliedschaft.

Das Kalkül war stimmig. Wenn Max Schmeling als einer der berühmtesten Deutschen der dreißiger Jahre für das NS-Regime in den USA politischen Nutzen haben sollte, dann nur, in dem er dort nicht als NS-Parteigänger, womöglich in Uniform, auftrat. Von politischem Nutzen sollte Schmeling etwa sein, als es darum ging, die Bewegung in den USA zu schwächen, die für einen Boykott der Olympischen Spiele 1936 in Berlin kämpfte. Im JAhr 1935 agierte Schmeling faktisch als Botschafter Deutschlands, der mit Avery Brundage, dem damaligen Chef des amerikanischen Olympischen Komitees, verhandelte. Dort hatte er sogar gesagt: „Im Namen aller deutschen Sportler kann ich versichern, wir werden keine Diskriminierung zulassen, aus welchen Gründen auch immer, und garantieren für einen korrekten Verlauf der Spiele.“

Dieser außenpolitische Nutzen als eine Art Diplomat liefert auch die Begründung, warum Schmeling – trotz gelegentlichem Genörgel auf unteren Nazi-Ebenen – mit offizieller Billigung weiter mit seinem jüdischen Manager Joe Jacobs zusammenarbeiten konnte.

Nur wenn man einen Vollprofi wie Schmeling halbwegs autonom agieren lässt, so das herrschaftsstrategisch durchaus richtige Kalkül der NS-Führung, sind Erfolge – sowohl sportlicher als auch propagandistischer Art – möglich. Dieses Kalkül erklärt auch, dass die NS-Machthaber ernsthaft mit dem damaligen – seit 1934 – Weltmeister Max Baer über einen Schmeling-Kampf, der 1935 gerüchteweise in Berlin, letztlich aber sicher in Amsterdam hätte stattfinden sollen, verhandelten. Nicht die Nazis verhinderten den Kampf, sondern der Umstand, dass Baer 1935 völlig überraschend gegen Jimmy Braddock verlor. Das machte Baer uninteressant. Die politische Symbolik wäre kaum zu überbieten gewesen. Und dieses Kalkül erklärt des Weiteren, warum es keinen nennenswerten Widerstand der NS-Spitze gab, als Schmeling im Jahr 1936 gegen das damals 22-jährige Boxgenie Joe Louis antreten wollte. Der Kampf war als Ausscheidungskampf angelegt: Der Sieger hätte Weltmeister Jimmy Braddock herausfordern dürfen.

Wieder, wie vor dem 33er Baer-Kampf, war vor dem ersten Louis-Kampf in der NS-Presse Zurückhaltung angesagt: Das Propagandaministerium wies die Redaktionen an, die Boxer in den Vorberichten nicht als Vertreter „der weißen und der schwarzen Rasse“ darzustellen. Dies gelte auch „im Falle eines Sieges Schmelings“. Das verhinderte natürlich keinen Rassismus in der Beschreibung Louis. Aber der Rassismus war nicht so entfesselt wie man hätte erwarten können..

Bekanntlich gewann Schmeling den Kampf, durch K.o. in der 12. Runde. Eine boxhistorische Sensation.

Die NS-Sportführung reagierte sehr schnell, um diesen Sieg für sich zu nutzen. Wie schnell, lässt sich durch einen Tagebucheintrag von Joseph Goebbels zeigen. Schmelings Frau, die Schauspielerin Anny Ondra, hatte übrigens den Radioreport im Haus der mit ihr befreundeten Goebbels-Familie gehört. Bei Goebbels steht: „Dann um 3h nachts beginnt der Kampf. In der 12. Runde schlägt Schmeling den Neger k.o. Wunderbar, ein dramatischer, erregender Kampf. Schmeling hat für Deutschland gefochten und gesiegt. Der Weiße über den Schwarzen, und der Weiße war ein Deutscher. Seine Frau ist herrlich. In der ganzen Familie ein Freudentaumel. Nachts um 5h erst komme ich ins Bett. Max Schmeling hat eine fabelhafte in- und ausländische Presse. Er hat sie auch verdient, denn er hat männlich gekämpft. Anny Ondra ist überglücklich. Der Führer hat ihr Blumen geschenkt. Abends hören wir nochmal eine Wiederholung der Boxkampfübertragung. Dieser Sieg ist für Deutschland erfochten.“ Unmittelbar nach seiner Ankunft an Berlin wird Schmeling von Hitler in die Reichskanzlei eingeladen. Der Boxer hat als Mitbringsel amerikanische Zeitungsausschnitte dabei. Über Hitlers Reaktion schreibt Schmeling: „Mir schien, dass er den englischen Text nicht lesen konnte, aber er sah sich die Fotos genau an und bemerkte dann: ›Wie schade, dass man so etwas nicht im Film sehen kann!‹ Ich erklärte ihm, dass ich einen Film mitgebracht habe, der noch am Flughafen am Zoll lagere.“ Der Film wurde  sofort geholt und vorgeführt.Und Schmeling wies vorab noch darauf hin, dass niemand anderes als er selbst, Schmeling, die Weltrechte an dem Filmmaterial besaß. Hitler habe, erinnert sich Schmeling, den Film „wie elektrisiert“ angeschaut und ausgerufen: „Goebbels, hören Sie, das kommt nicht in die Wochenschau! Dieser Film muss als Hauptfilm laufen! Im ganzen Reich!“ Das geschah. Vier Millionen Deutsche sahen den Film „Max Schmelings Sieg – ein deutscher Sieg“

Nach sportpolitisch kompliziertem Tauziehen, bekam Schmeling den versprochenen WM-Kampf gegen Braddock nicht. Auf deutscher Seite wurde sogar eine Weile versucht, eine europäische Box-Koalition gegen die USA zu schmieden und einen Gegenweltmeister zu installieren – der möglichst Schmeling geheißen hätte. Aber daraus wurde alles nichts. Stattdessen wurde Joe Louis 1937 gegen Braddock Schwergewichtsweltmeister. Immerhin kam es zum Rückkampf Schmelings gegen Louis 1938.

Und anders als bislang nahm die NS-Propaganda nun weniger Rücksichten. Man glaubte fest an eine im Jahr 1936 vermeintlich bewiesene  arische Überlegenheit auch und vor allem im Boxring. Und man gab sich pseudowissenschaftlichen Theorien hin. Nach dem 36er Kampf hatte Ludwig Haymann – der frühere Deutsche Meister, mittlerweile Sportchef des „Völkischen Beobachters“ – das Buch „Deutscher Faustkampf, nicht pricefight. Boxen als Rasseproblem“ vorgelegt: Darin hieß es über Schmelings Boxstil, dieser sei „in Wirklichkeit nichts weiter als eine in Temperament und Volkstum wurzelnde Kampfform und mithin der erste gelungene Schritt zum deutschen Boxen“. Das Vorwort zu dem Buch verfasste übrigens Max Schmeling.

Auf beiden Boxern, Louis und Schmeling, lastete ein ungeheurer Druck. Arthur Ashe, der amerikanische Historiker, der in den sechziger und siebziger Jahren ein Weltklassetennisprofi war und als erster Schwarzer, der Wimbledon gewann, ein Experte in Sachen politischer Symbolik des Sports ist, beschreibt den Druck der aus Louis lastete, so: „Kurz gesagt, Louis hatte zu gewinnen. Oder ganz Amerika musste die psychologischen Konsequenzen von weiterem Nazigeschwätz der rassischen Überlegenheit über Schwarze und Juden erleiden.“ Auch Joe Louis war das bewusst. In seiner Autobiografie schreibt er:  Auch „weiße Amerikaner, selbst wenn sie weiter in den Südstaaten Schwarze lynchen, verließen sich darauf, dass ich Deutschland ausknocke.“

Was Schmeling und Louis 1938 austrugen, war in einem kulturellen Sinn der Kampf zwischen Demokratie und Faschismus. Der vorweggenommene Weltkrieg. Der Kampf zwischen Gut und Böse.

In seiner 1956 erschienenen Autobiografie »8-9-aus!« fragt sich Schmeling, warum er 1938 in Amerika so verhasst war: „Womit hatte ich das verdient? Kannten mich die Amerikaner immer noch so schlecht? Warum ließen sie die Gehässigkeit, die den braunen Machthabern in der Heimat galt, an mir aus?“ Er gibt auch eine Antwort: „Die Welt wusste damals schon, was in Deutschland vor sich ging. Und ich war ein Deutscher. Stellvertretend für die Nazis musste ich den Hass kassieren.“

Das beschreibt er, aber akzeptiert er nicht. Für sich nahm er in Anspruch: „Ich war gekommen, um einen fairen Kampf zu liefern, nicht aber, um eine politische Abrechnung entgegenzunehmen. Nichts lag mir ferner als Politik.“ Und noch in den 1977 erschienenen „Erinnerungen“ schreibt Schmeling empört, die amerikanische Seite hätte seinem Gegner Louis eingeredet, „ich wolle in dem bevorstehenden Kampf die Überlegenheit der Weißen gegenüber den Negern demonstrieren“, weshalb sich Louis „geradezu in eine Vergeltungsrage hineingesteigert“ habe.

Das Kampfergebnis dürfte bekannt sein: Louis gewann durch K.o. in der ersten Runde. Die politische Symbolik war entschieden. Gegen den Naziboxer.

Doch bereits vor seinen Louis-Kämpfen hatte Max Schmeling seine Prominenz in Deutschland genutzt, um vom NS-Regime bedrohten Menschen zu helfen. Insofern ist seine verärgerte Verwunderung darüber, dass er in den USA und anderen Teilen der Welt als Naziboxer galt, nachvollziehbar. Einige Punkte, die Schmelings mutigen Widerstand belegen, seien kurz wider gegeben.

– Er setzte sich erfolgreich für seinen jüdischen Manager Joe Jacobs ein: nicht nur, dass der in den USA weiter die für ihn wichtigen Kontakte knüpfen konnte, sondern auch, als ihm in NS-Deutschland etwa der Zugang zu Hotels verweigert wurde.

– Er setzte sich für einen 1941 wegen „Rassenschande“ angeklagten Boxkollegen vor, dessen jüdische Freundin ein Kind erwartete. Die Frau kam frei, und der Boxer musste nicht ins Gefängnis, sondern zur Wehrmacht.

– Er setzte sich  1944 für die Begnadigung eines von den Nazis zum Tode verurteilten niederländischen Offiziers ein und bewirkte so einen Zeitaufschub, der dem Mann das Leben rettete.

– Und, das dürfte die spektakulärste Hilfsaktion sein, er versteckte im November 1938, über die so genannte Reichskristallnacht , zwei jüdische Jungen in einem Hotelzimmer, in das er sich gemeinsam mit ihnen eingemietet hatte.

Das ist nur ein kleiner Auszug etlicher, meist im privaten Rahmen erfolgter Hilfsaktionen. Warum aber hat nicht mal die erst später verbreitete Kenntnis über diese mutigen Taten Schmelings seine Wahrnehmung im öffentlichen Gedächtnis korrigiert?

Zu Schmelings 90. Geburtstag im Jahr 1995 hatte Friedrich Karl Fromme in der FAZ vor allem Schmelings Bescheidenheit gelobt. Diese habe es nicht zugelassen, „dass aus ihm bei aller Zuneigung, die ihm entgegengebracht wurde, eine Kultfigur des Führerstaats gemacht wurde.“ Schmeling, so Fromme, sei weder Widerstandskämpfer noch Nazi gewesen, sondern habe sich vielmehr immer „im Felde des Normalen“ bewegt. Das begründe die hohe Wertschätzung, die er in Deutschland genossen hat.

Aber dieses Bild des normalen, anständigen Sportsmanns, das für die hohe Wertschätzung sorgt, ist eben das, was ab Mitte der dreißiger Jahre als Bild Schmelings von der NS-Propaganda aufgebaut und verbreitet wurde.

Die Thesen eins und zwei sind, hoffe ich, zur Genüge begründet: 1. Schmeling war nolens volens ein politisches Symbol, 2. Schmelings Popularität verdankt sich dem Image des Unpolitischen, das vom NS-System für ihn zurechtgelegt wurde.

Bleibt These drei: dass er nie selbstbestimmtes Symbol war . Und die Frage, wie er das – gerade unter den Bedingungen des Nationalsozialismus – hätte werden können. Die Frage berührt ja nicht nur Schmeling, sondern viele Sportler, Künstler oder Wissenschaftler, die nach 1933 in Deutschland blieben und sich dem Vorwurf ausgesetzt sahen, objektiv das System gestärkt zu haben.

Einer Antwort auf die Frage kann man sich durch einen Vergleich annähern. Ich vergleiche Schmeling mit Marlene Dietrich. Die war bis 1936/37 übrigens mit Schmeling lose befreundet und hatte 1936 eine größere Summe Geld auf einen Sieg Schmelings über Louis gesetzt – und dabei gut verdient. Marlene Dietrich hatte 1936 von Joseph Goebbels das Angebot bekommen, gegen hohe Gagen und diverse weitere Privilegien in Deutschland bleiben zu sollen. Sie lehnte ab und nahm stattdessen 1937 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Sie entzog sich also einer – wie unpolitisch auch immer angelegten – Karriere unter den Bedingungen des NS-Regimes. Sie zog damit, durchaus weit über 1945 hinausreichend, Ablehnung und sogar Hass in Deutschland auf sich. Sie wurde damit sehr bewusst zu einem Symbol des Widerstands gegen Nazideutschland.

Die Frage, ob er einen so mutigen Schritt vollziehen sollte, stellte sich Schmeling auch, wie er berichtet. Mehrfach, schreibt er, bekam er Angebote, in die USA überzusiedeln. Auch seine Frau, die Schauspielerin Anny Ondra, bekam des Öfteren Angebote. In seinem Buch „8, 9, aus“ schreibt er, warum er nicht emigrierte: „So leicht gibt man seine Heimat nicht auf, vor allem, wenn man Grund und Boden, wenn man seine Familie dort hat. Dieser Preis schien mir, um meine sportliche Karriere zu sichern, nun doch zu hoch.“ Die Ausgangssituation für beide Schmeling und Ondra war nicht schlecht: Ondra hatte schon mit Alfred Hitchcock gedreht, hatte mehrere Hollywood-Angebote, und sogar ihre Produktionsfirma hatte mal ein Angebot bekommen, doch in die USA überzusiedeln. Und Max Schmeling sprach ein vergleichsweise gutes Englisch, zudem war er ja in einem Beruf tätig, wo die Sprachkompetenz nicht so wichtig war. Anders etwa als seinen Freunden aus den zwanziger Jahren, die als Schriftsteller, Journalisten oder Schauspieler emigriert waren.

Es bleibt die Frage, über wen wir heute reden würden, wenn der „unpolitische Sportsmann Schmeling“ plötzlich zum bekennenden und in aller Welt erkennbaren Antifaschisten geworden wäre und in die USA gegangen wäre. Meine Antwort lautet: Schmeling, der immer ein politisches Symbol war, hat die Chance nicht genutzt, ein selbstbestimmtes politisches Symbol zu werden.

Max Schmeling war kein Nazi, und er hat vielen Menschen in der Zeit der Nazidiktatur geholfen zu überleben. Dennoch hat Schmeling, indem er sich vom Goebbels’schen Propagandaministerium als unpolitisches Sportidol präsentieren ließ, zur Stabilität des NS-Systems beigetragen.

Vielen Dank.

boxen in auschwitz (2)

Sonntag, August 7th, 2011

In der Jungle World findet sich eine andere, längere Fassung des Gesprächs, das ich mit Alan Scott Haft, Sohn des Auschwitz-Überlebenden und früheren Profiboxers Hertzko „Harry“ Haft, geführt habe: „Mein Vater war ein grausamer Mensch“

boxen in auschwitz

Donnerstag, Juli 21st, 2011

In der Jüdischen Allgemeinen ist eine Geschichte von mir über den Boxer Hertzko Haft erschienen: Als 14-Jähriger kam er ins KZ, dort musste er zum schenkelklopfenden Vergnügen der SS-Leute boxen und töten; nur so konnte er Auschwitz überleben. Später ging er nach Amerika, wurde Profiboxer und kämpfte unter dem Namen Harry Haft unter anderem gegen Rocky Marciano – ein Kampf auch gegen die Mafia: Der Boxer, der Auschwitz überlebte. Die Geschichte basiert vor allem auf dem Buch Eines Tages werde ich alles erzählen. Illustriert ist sie mit großartigen Comics des Zeichners Reinhard Kleist, dessen Cartoon zu Harry Haft derzeit auch täglich in der FAZ zu sehen ist.

Dazu habe ich ein Interview mit Alan Scott Haft geführt, seinem Sohn, der die Lebensgeschichte seines 2007 verstorbenen Vaters in besagtem Buch aufgezeichnet hat: „Er war ein grausamer Mann“.

 

dylan – ein nachschlag

Mittwoch, Mai 25th, 2011

… der Nachschlag gilt dem Thema „Bob und Boxen“. Zu den Gratulanten, die sich in Dylans Defilee zum 70. einreihten, gehörte auch Muhammad Ali: „Happy birthday, Bob Dylan. Keep rolling and enjoying life.“ Nett gesagt, nämlich hier.

fight of the century

Dienstag, März 8th, 2011

Mit einem verständlichen Tag Verspätung, schließlich hatte die taz am eigentlichen Jahrestag eine Frauentags-taz, lässt sich ein Text von mir über den Fight of the Century lesen, den ersten von drei Kämpfen, die Muhammad Ali und Joe Frazier austrugen: Dieser erste fand vor genau vierzig Jahren statt, am 8. März 1971 im New Yorker Madison Square Garden: Onkel Tom und der Luscher.

schmeling (2)

Donnerstag, September 30th, 2010

Pünktlich zu allem: zu seinem fünften Todestag, zum 105. Geburtstag, zum 20. Tag der Einheit, für die er mit Henry Maske posierte – zu all dem läuft nun „Max Schmeling“ in den Kinos, ein Film des Regisseurs Uwe Boll. Ein schlimmes Werk. Begründung? Hier!